Wibbese - Zwei Dutzend Häuser, einige davon leerstehend, eine Kirche, drei Straßen. Ringsum Felder und ein Wald – das ist Wibbese, ein kleines Dorf im Wendland. Verschlafen würden es die einen nennen, idyllisch die anderen. Aber mit Ruhe und Idylle ist es in der 84-Seelen-Gemeinde seit knapp einem Jahr nicht mehr weit her – seit sich ein Bauernhof zu einem Treffpunkt von Rechtsextremen entwickelt hat.

Im vergangenen Februar sei ein junges Paar dort eingezogen, erzählen Knut Jahn und Barbara Kersten. Die beiden Rentner sind freundliche Leute mit offenem Blick, aber auch mit wachem Gespür für Menschen, die ihre wahren Absichten zu verbergen suchen. Kein Wunder, wir sind hier schließlich im Wendland, einer Aufrührer- und Protestlergegend, die sich seit Jahrzehnten nicht nur gegen Atommüll, sondern ebenso gegen Scheinheiligkeit und falsche Versprechen zur Wehr setzt.

Sie brachten Eier und Ziegenmilch

Und so hatten die beiden dann auch von Anfang an ein komisches Gefühl, was ihre neuen Nachbarn anbelangt. „Das Pärchen hatte vorher schon ein paar Jahre in einem anderen Haus hier im Dorf gewohnt“, sagt die 67-jährige Barbara Kersten. Ab und zu habe man sie gesehen, immer nett und hilfsbereit seien die jungen Leute gewesen. Als das Paar nun den leerstehenden Hof kaufte – neben dem, den Barbara Kersten und ihr Lebensgefährte Knut Jahn bewohnen –, ließ sich die neue Nachbarschaft zunächst gut an. „Sie brachten uns Eier und Ziegenmilch vorbei, grüßten freundlich über den Zaun und boten uns ihre Hilfe an“, erinnert sich Jahn.

Die Nachbarn kündigten an, sich als Ökolandwirte zu versuchen. Im Rahmen eines von ihnen so genannten „ökologisch orientierten Selbstversorgungsprojekts“ wollten sie Hühner, Schweine und Schafe züchten. Im Garten legten sie eine Streuobstwiese an. Im Sommer dann zog für ein paar Monate ein befreundetes Pärchen aus Mecklenburg-Vorpommern in das frühere Haus der neuen Nachbarn, half auf dem Hof aus. „Heute wissen wir, dass dieses Paar aus Mecklenburg ganz aktive Neonazis sind, mit Verbindungen zur NPD“, sagt Jahn.

Immer mehr Neonazis und NPD-Sympathisanten kommen

Herausbekommen haben sie das mit Hilfe einer antifaschistischen Initiative in Lüneburg. Deren Sprecher Olaf Meyer bestätigt, dass seit Jahren immer mehr Neonazis und NPD-Sympathisanten auch in den Landkreis Lüchow-Dannenberg ziehen. Wenn die Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen Hinweise von Anwohnern erhält, recherchiert sie vor Ort. In Wibbese fand sie heraus, dass der Zugezogene ursprünglich aus Ostfriesland kommt und dort im sogenannten Nationalen Widerstand aktiv war, einem losen Neonazi-Netzwerk.

Die Initiative konnte mit Hilfe befreundeter Gruppen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zudem eine Reihe von Autokennzeichen der Besucher auf dem Hof Neonazis zuordnen. „Wibbese ist zu einem Treffpunkt unterschiedlicher rechter Gruppen aus ganz Norddeutschland geworden“, sagt Olaf Meyer, Sprecher der Antifa in Lüneburg.

Als es im Frühjahr losging mit den Besuchen von Rechten in Wibbese, hatte sich das Verhältnis von Barbara Kersten und Knut Jahn zu dem Paar nebenan bereits abgekühlt. Wegen der Tätowierungen am Oberkörper des Nachbarn – keltische Runen, ein Reichsadler. Weil er stets einen Wehrmachts-Stahlhelm trug, wenn er mit dem Motorrad durchs Dorf fuhr. Politisch aktiv ist er allerdings bislang nicht, weder hat er sich im Gemeinderat engagiert noch agitiert er die Anwohner.

All das könne noch kommen, warnt Anne Schmidt von der Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS) in Berlin. Ihr ist das Muster von Neonazis, die in die Provinz ziehen, dort eine ökologische Landwirtschaft aufbauen und Gesinnungsgenossen nachziehen, um auf diese Weise nach und nach das Dorf zu übernehmen, nicht neu. Schmidt hat im Auftrag der AAS jetzt eine von der Bundesregierung geförderte Studie vorgelegt, die sich dem Phänomen der „Völkischen Siedler im ländlichen Raum“ nähert. Es ist die erste Untersuchung, die sich diesen Ansiedlungsprojekten rechter Gruppen und Familien auf dem Lande widmet. Andere Extremismus-Forscher und Soziologen hatten das Thema bislang nur oberflächlich zur Kenntnis genommen.

Dabei ist Wibbese nur der jüngste Fall aus einer stetig wachsenden Zahl solcher „völkischen“ Siedlungsprojekte. Anne Schmidt geht inzwischen von rund 1 000 rechten Siedlern aus, die – wie etwa im mecklenburgischen Jamel – zum Teil schon ganze Dörfer übernommen haben. „Das ist eine erschreckende Entwicklung, die wir seit einigen Jahren beobachten“, sagt sie. Rechte Personen, Familien meist, würden sich gezielt in wenig bewohnten Gebieten ansiedeln, um fernab der Städte ungestört ihren Lebensentwurf zu verwirklichen und ihre Kinder in einer rückwärtsgewandten Ideologie aufzuziehen.

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