WIEN, 2. März. Der Vatikan hat am Montag damit begonnen, Licht in das Dunkel der Affäre zu bringen, die den österreichischen Klerus in seine bisher tiefste Krise gestürzt hat. Der Heilige Stuhl eröffnete das Untersuchungsverfahren gegen den ehemaligen Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer wegen sexuellen Mißbrauchs. Der Abtprimas der Benediktiner Marcel Rooney, der die Ermittlungen leitet, bezeichnete die Untersuchung als außergewöhnlich. Sie treffe nicht nur Kardinal Groer, sondern das gesamte Göttweiger Benediktiner-Kloster, in dem der 78jährige lebt. Groer steht im Verdacht, sich in den 70er Jahren als Religionslehrer an Seminaristen sexuell vergangen zu haben. Deswegen trat er 1995 als Erzbischof von Wien zurück. Bei der Untersuchung werden auch die Mönche des Klosters befragt.Am Sonntag hatten sich Tausende Menschen in Paudorf bei Wien versammelt, um ihre Unterstützung für den Ortspfarrer Udo Fischer kundzutun. Der Pater war der erste, der die Gerüchte um Kardinal Groer in einem kircheninternen Bericht bestätigte. Daraufhin war er von dem erzkonservativen St. Pöltener Bischof Kurt Krenn wegen Ungehorsams abgesetzt worden.Die österreichische Bischofskonferenz bezog inzwischen jedoch eine andere Position. In einer am Wochenende veröffentlichten Erklärung heißt es: "Wir sind nun zur moralischen Gewißheit gelangt, daß die gegen Alterzbischof Hans Hermann Groer erhobenen Vorwürfe im wesentlichen zutreffen." Wenn ein Bischof "schwerwiegender Verfehlungen" beschuldigt werde, dann genüge eine "Versöhnung in der Beichte" nicht, heißt es weiter. "Vielmehr muß der Beschuldigte öffentlich und unzweideutig sagen, daß er unschuldig ist, oder öffentlich um Vergebung bitten, was meist auch mit einem Rückzug aus dem Amt verbunden sein wird."Vorwürfen konservativer Kreise, die Bischöfe seien mit ihrer Erklärung "in die Knie gegangen" und hätten einen "Mitbruder im Stich gelassen", begegnet die Konferenz mit einem Wort Christi: "Die Wahrheit wird euch frei machen." In diesem Sinne stelle die Visitation des Klosters Göttweig "einen wichtigen Schritt zur Klärung und Heilung der Probleme" dar. Der entsprechende Bericht geht direkt an Papst Johannes Paul II., der dann über etwaige Konsequenzen entscheidet. Möglich ist die Aberkennung der Kardinalswürde, dem Groer zuvorkommen kann, indem er sie von sich aus ablegt. Der Fall Groer hat auch den Kritikern der katholischen Sexualmoral in Österreich starken Auftrieb gegeben. Die katholische Kirche des Landes steht nach Ansicht vieler Beobachter vor hitzigen und kontroversen Debatten.