GARMISCH-PARTENKIRCHEN, 1. Januar. Der Name Morgenstern lässt viele Wortspiele zu. Vom neuen Skisprungstern war in Garmisch-Partenkirchen dieser Tage die Rede; von einem österreichischen Skisprungstern wohlgemerkt. Thomas Morgenstern aus Villach ist 16 Jahre alt, und er hatte die Qualifikation zum Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen gewonnen. Im Wettbewerb am Mittwoch kam er allerdings nur auf den 25. Rang. In Oberstdorf, beim ersten Springen der Tournee, war er zuvor immerhin schon mit einem neunten Rang auffällig geworden.Die österreichische Skisprung-Mannschaft kann sich in dieser Saison nicht nur auf die altgedienten Martin Höllwarth und Andreas Widhölzl verlassen. Immer wieder schaffen es auch neue, bislang unbekannte Talente aus dem B-Kader, sich mühelos in den Weltcup zu integrieren. Der 18-jährige Andreas Kofler zum Beispiel wurde in Garmisch Achter, in Oberstdorf Fünfter und in Titisee-Neustadt, vor der Tournee, sogar Dritter."Messwerte in Ordnung"In der Szene wird indes gemunkelt, der derzeitige Erfolg der Österreicher liegt an den neuen Anzügen, die sie sich von einer heimischen Firma schneidern ließen. Denn die sollen im Schritt zu weit sein und eine größere Tragfläche bieten. "Von Schummelei kann absolut keine Rede sein", empörte sich Höllwarth. "Unsere Anzüge entsprechen dem Reglement." Außerdem springe er selbst noch mit einem Anzug aus dem Vorjahr. Auch Walter Hofer, der Renndirektor des Welt-Skiverbandes (FIS), kann keine Unregelmäßigkeiten feststellen: "Die Messwerte sind in Ordnung."Die österreichischen Springer glänzen in dieser Saison geschlossen wie selten: Die Nationenwertung im Weltcup führen sie mit großem Abstand an. Widhölzl feierte einen Weltcupsieg, Höllwarth hat in der bisherigen Saison dreimal gewonnen. Auch der mäßige zehnte Rang beim Neujahrsspringen in Garmisch mag da nur als kleiner Rückschlag gelten. "Momentan passt mein Umfeld", erzählt der 28-Jährige, der 1992 bei den Olympischen Spielen drei Silbermedaillen gewann und seitdem nur noch gelegentlich aufs Podest spang. "Meine Frau und mein kleiner Sohn geben mir Kraft und die nötige Ruhe." Den schweren psychischen Schock nach einem Unfall 2001 hat er überwunden. Nach dem Springen in Willingen saß Höllwarth damals am Steuer jenes Wagens, der auf dem Heimweg von der Straße abkam. Trainer Alois Lipburger saß mit im Auto, er starb noch an der Unfallstelle.Wie Höllwarth, so zeigt auch Andreas Goldberger im Weltcup wieder gute Form; sein zweiter Platz in Garmisch bewies das erneut. Der 30-Jährige fühlt sich besonders durch den neuen Cheftrainer Hannu Lepistö motiviert. "Er ist ein unglaublich erfahrener Mann", sagt Goldberger, der nach zahlreichen Tiefs noch einmal den Weg in die Weltspitze gefunden hat.Hannu Lepistö, der zum Ende des vergangenen Winters Toni Innauer abgelöst hat, ist ein zurückhaltender Mann: "Nicht der Trainer gibt die Ziele vor, sondern jeder Springer selbst. Ich kann nichts Anderes tun, als helfend zur Seite zu stehen", sagt er. Vom Potenzial seines Teams ist er überzeugt: "Wir können die Besten der Welt sein. Für uns ist der Gewinn des Gesamtweltcups möglich."Der österreichische Skiverband hat sich am deutschen Trainermodell orientiert: Lepistö ist - ähnlich wie Reinhard Heß - der väterliche Cheftrainer und die Autorität im Team. Zur Seite stehen ihm mit Heinz Kuttin und dem bis zur vergangenen Saison selbst noch aktiven Stefan Horngacher zwei Assistenten, die ein lockeres Verhältnis zu den Springern pflegen. "Der Stefan kennt unsere Macken, der weiß, wie er mit uns umzugehen hat", sagt Goldberger. Alex Pointner, im Vorwinter noch als Assistent bei Toni Innauer tätig, trainiert nun den B-Kader Österreichs. "Am Anfang war ich schon enttäuscht, nicht mehr bei der Nationalmannschaft zu sein", erzählt der Tiroler. Doch jetzt mache ihm die Arbeit mit den jungen Athleten viel Spaß.Kein Wunder, denn die österreichischen Nachwuchsspringer dominieren den Kontinental-Cup, die zweite Liga im Skispringen, längst nach Belieben. Längst haben sich Andreas Kofler, Thomas Morgenstern, Mathias Hafele und Florian Liegl einen festen Platz im Weltcupteam gesichert, und schon muss Lepistö den Ehrgeiz der Jungen bremsen. So hatte Morgenstern nach seinem neunten Platz in Oberstdorf recht forsch verkündet, er wolle jetzt "immer in die Top Ten". Darauf Lepistö: "Jetzt sollten wir abwarten. Letztendlich war es für seine Entwicklung besser, dass er Neunter und nicht Vierter geworden ist." Allein deshalb wird der Trainer über Morgensterns 25. Rang in Garmisch nicht allzu enttäuscht sein.KasperltheaterDie mannschaftliche Stärke der Österreicher verleiht dem deutsch-österreichischen Duell bei der Vierschanzentournee besondere Brisanz. Die traditionelle Rivalität der beiden Nachbarländer bei der Tour durch Bayern und Österreich schien am 6. Januar 2002 fast vergessen. Als Sven Hannawald in Bischofshofen mit seinem vierten Tagessieg bei der Tournee Sportgeschichte schrieb, jubelten auch die österreichischen Zuschauer. Doch das ist vergessen, die Bild-Zeitung titelte schon vor der Tournee: "Hanni gegen die Bösis". Immerhin soll Martin Höllwarth Hannawald den Sieg beim Weltcup-Springen in Engelberg nicht gegönnt haben. "Hannawald hat hier ein Kasperltheater gewonnen", soll sich der Zillertaler beschwert haben. Darauf Deutschlands Trainer Wolfgang Steiert: "Ich vermisse Fairplay." Aber natürlich werden die herausragenden Leistungen des österreichischen Sprungteams von den Deutschen längst anerkannt: "Gratulation an die Österreicher", sagt zum Beispiel Bundestrainer Reinhard Heß, "und vor allem auf ihre Nachwuchstruppe können sie richtig stolz sein."Zitat: "Ich will jetzt immer in die Top Ten. " Thomas Morgenstern, 16, nach seinem neunten Platz in Oberstdorf.Foto: SNAPS Erster in der Qualifikation, 25. im Wettbewerb: der 16-jährige Österreicher Thomas Morgenstern.