Sie bestellten ihre Felder nach den Mondphasen, fotografierten eine Lastwagenladung Kohlköpfe in ihrer ganzen taufunkelnden Herrlichkeit, verblüfften das großstädtische Publikum mit mystischen Tanzdarbietungen, durchpulst vom "gewaltigen Herzschlag der Natur", wie ein beflügelter Kritiker damals schrieb. Und sie waren überzeugt genug von der Heiligkeit und Reinheit der Schöpfung, um auch ihre Hunde vegetarisch zu ernähren.Die Frauen der 1919 bei Fulda begründeten Siedlung Loheland nutzten den veränderten Geschlechterdiskurs ihrer Zeit, die spielraumschaffenden Spekulationen über den Typus der "neuen Frau", um fernab von Mann und Stadt ein neues Gemeinschaftsmodell auszuprobieren: Nicht nur schwärmerisch "zurück zur Natur" sollte es gehen, wie es sich die Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommene Lebensreform-Bewegung erträumte. Zu den anthroposophischen Ansätzen, den biologisch-dynamischen Prinzipien in der Landwirtschaft und der Befreiung des Geistes durch körperliche Ertüchtigung nämlich gesellte sich eine sehr professionelle wirtschaftliche Strategie: Mit ihren vielfältigen Werkstätten entwickelte sich die "Loheland Schule für Gynastik, Landbau und Handwerk" rasch zur führenden Frauenbildungsstätte Deutschlands - und zwar, indem man von Anfang an das noch neue Mittel der Werbefotografie nutzte."Reklame muss sehr energisch und durchgreifend geschehen, wenn pekuniärer Erfolg zustande kommen soll", hatte Hedwig von Rhoden erkannt, die gemeinsam mit Louise Langgaard - beide bildende Künstlerinnen - die Siedlung auf 45 Hektar Grund installiert hatte. Stilsicher wurden die hauseigenen Erzeugnisse - die berühmten Brokatstoffe in kontrastierenden Beerentönen, die Bauhaus-schlichten Ahorn-Schalen und die mattschwarze Alltagskeramik - abgelichtet und in der ganzen reduzierten Schönheit des Materials erfolgreich auf Messen präsentiert. Die Fotografie-Werkstatt unter der Leitung von Valerie Wizlsperger brauche den "Vergleich mit den anerkannten Meistern des Fachs wie Renger-Patzsch oder Finsler nicht zu scheuen", heißt es dazu vom Bauhaus-Archiv, das dem Amazonenstaat in der Rhön nun die Sonderschau "Lichtbildwerkstatt Loheland. Fotografien einer neuen Generation Weib" gewidmet hat. Darin ist auch ein fotohistorisch bedeutender Impuls dokumentiert: Laszló Moholy-Nagy soll in Loheland die entscheidende Anregung für seine Photogramme erhalten haben - Bertha Günthers kameralose Direktbelichtungen von zarten Gräsern und Pflanzen werden jetzt erstmals vollständig ausgestellt.Natürlich war es der Blick auf die "neue Generation Weib", der die Allgemeinheit an Loheland zunächst mehr faszinierte als Teller, Tassen, Ledertaschen. Tanz galt als eine der wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen des Expressionismus - und von Rhoden und Langgaard propagierten ihn als spezifisch weibliche Möglichkeit, moderne Körperertüchtigungs-Erkenntnisse mit seelischer Stärkung in Einklang zu bringen. "Bewegung ist ein Element des Lebens. Pflegen wir Bewegung, so pflegen wir den Menschen in umfassendem Sinne", so Louise Langgaard. Die ersten Loheland-Tänze waren "reigenartige Spiele" in "leichten weißen Batistkleidern", wie sich eine ehemalige Seminaristin erinnerte, Einblicke in eine "lichte, reine Bewegungswelt", die die "erlöste Psyche" atmend aufblühen ließen. Später traten Tänzerinnen wie Bertha Günther, Edith Sutor oder Eva-Maria Deinhardt in kühnen Gewändern aus Papierschnüren oder in goldgleißenden, engen Kostümen auf - athletisch, stolz, mit klar definierten Muskeln, also sehr viel sportiver, als es bei den meisten anthroposophischen Gesinnungsgenossen üblich war.Als der Ausdruckstanz immer mehr Eingang fand in die Varietés und dabei leicht verschwiemelte Züge annahm, wurde er als nicht mehr zeitgemäß abgeschafft in Loheland; die Ästhetik der weiterhin betriebenen Gymnastik aber fügte sich prächtig in die Strömung der Neusachlichkeit. Die Loheländerinnen verstanden es überhaupt, sich immer wieder neu zu orientieren: Wirtschaftlich überaus erfolgreich war auch die 1930 etablierte Zucht von Deutschen Doggen, die strikt fleischlos aufgezogen wurden und bei Wettbewerben regelmäßig "Weltsieger" waren.Loheland besteht bis heute und konnte sogar die Zeit des Nationalsozialismus ohne Schließung überstehen. Von Rhoden aber verließ die Schule, nachdem ihre Partnerin für eine "taktische Anpassung" votiert hatte - Langgaard allerdings soll bis Kriegsende Behinderte und vereinzelt auch Widerstandskämpfer versteckt haben. Das Areal mit den puppenstubenputzigen Häusern - die sich mal wie Kürbisse runden, mal Zipfelmützendächer gen Himmel strecken - ist seit 1971 eine Stiftung. An mehreren Schulen, darunter selbstverständlich eine Waldorfschule, werden jährlich rund 450 Zöglinge betreut, auch Gymnastik im Sinne der Gründerinnen wird gelehrt. Damit ist Loheland nicht nur die älteste anthroposophische Dorfsiedlung überhaupt, sondern - anders als die Lebenskünstlerkolonien in Worpswede, Darmstadt und am Monte Verità - eine Utopie, die überlebt hat.Ausstellung bis zum 9. Juli im Bauhaus-Archiv (Klingelhöferstraße 14), tgl. außer Di 10-17 Uhr. Der Katalog kostet dort 9,75 Euro.------------------------------Foto: "Allen gemeinsam wird das Erbteil einer Einfachheit und Natürlichkeit in der Lebensführung, als Folge eines geweckten Muskel- und Körpermutes." (Montage, um 1930)------------------------------Foto: Fleischlos glücklich: Rugnir, Riese und Reh von Loheland mit ihrer Züchterin Hedwig von Rohden (1935).------------------------------Foto: Fotografieren ohne Kamera: Von Bertha Günthers Photogrammen ließ sich Laszló Moholy-Nagy zu dieser Technik inspirieren.

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