Nichts ist mehr wie es war im Zirkus. Kein Geruch nach Sägespänen, keine feurigen Pferde in der Manege und kein Löwenbändiger, der fauchenden Bestien den Kopf in den Rachen steckt. Die Tierwelt in der Show des Zirkus Sarrasani wird im Wesentlichen von einer Ente repräsentiert, wenn man mal von dem unglücklichen Tiger absieht, der bei einer Zaubernummer zwischenzeitlich an die Stelle der verschwundenen Dame tritt. Statt glitzernder, farbenprächtiger Kostüme tragen die Artisten eine Art Arbeitskleidung und absolvieren nebenbei zu mehr oder weniger heißer Musik verschiedene tänzerische Übungen. Zirkus ist anders heute, auch er muss jung, dynamisch und frisch einherkommen, selbst wenn er schon hundert Jahre alt ist wie der Zirkus Sarrasani. Vielleicht muss es so sein, unumgänglich wie das Popcorn, das die Kinder im Publikum die ganze Vorstellung über in sich hineinmaufeln. Vielleicht kann man sich anders der Konkurrenz aus Computerspielen und Comedy im Fernsehen nicht erwehren. Vielleicht.Und dann kommt dieser Clown. Wie aus einer vergangenen Welt tritt er hinaus ins Scheinwerferlicht: Eine knallrote Knollennase im Gesicht, auf dem Kopf eine karierte Ballonmütze, unter der eine strohblonde Perücke hervorschaut. Samtsakko, die gestreifte Hose ein bisschen kurz und die Schuhe viel zu groß. Der Clown schlechthin. Er watschelt durch die Manege, eine schöne Frau begegnet ihm und versetzt ihn sichtlich in Entzücken. Strahlend schenkt er ihr ein Herz, ein rotes, doch ach, sie verschmäht es und wirft es achtlos in eine Mülltonne. Todtraurig holt der Clown es wieder heraus, todtraurig will er hinweg, als ein kleines Kind herbeigesprungen kommt und ihn Trost spendend an der Hand nimmt, und siehe da: das Herz leuchtet auf, beginnt blinkend zu schlagen. Scheinwerfer aus. Beifall.Von dieser Art sind die Stücke, die Oleg Popow, der Clown, seit vielen Jahren vorführt. Seine Geschichten ohne Worte haben eine schlichte Moral, Liebe und Herzensgüte lässt das Gute siegen, und der kleine traurige Clown besiegt dann auch schon mal die umweltfeindliche böse Chemie in Gestalt einer qualmenden Kiste, die von einer martialischen Gestalt mit Gasmaske in die Manege geschoben wird. Am Schluss erblüht der bereits dahingewelkte Baum wieder und eine weiße Taube entflattert der Ballonmütze. So schön kann das Leben sein, zumindest im Zirkus. Und die Leute mögen es. Sie feiern den Clown Popow, obwohl man sich bei seinen Nummern nicht vor Lachen auf die Schenkel schlägt. Oder gerade deshalb. Kein Wasserstrahl aus dem Hut und keine fliegenden Torten. Der 71-Jährige war nie der dumme August, sein Vorbild ist eher der kleine Iwanuschka aus dem russischen Märchen, der mit Witz und Bauernschläue zu guter Letzt immer die Nase vorn hat. Damit ist er berühmt geworden. Vielleicht ist er der letzte berühmte Clown, mit dessen Namen sich ein Gesicht, eine Figur verbindet wie das "Akrobat schöööön" mit Charlie Rivel.Seine Garderobe im Zirkus Sarrasani, bei dessen Jubiläumsprogramm er jüngst als Stargast auftrat, ist ein mit schwarzen Tüchern abgeteilter Verschlag mit einem Spiegel und einem Stuhl davor und einer nackten Glühbirne als Beleuchtung. "Es ist nicht die Garderobe des Bolschoi-Theaters", sagt er lakonisch. Weltstars beim Film oder im Showbusiness werden umlagert und hofiert, wo immer sie erscheinen. Der Weltstar Popow steht eine halbe Stunde vor der Vorstellung vor dem Hintereingang des Zirkuszeltes und trinkt Kefir Marke Kalinka aus dem Plastikbecher. Niemand nimmt Notiz von ihm. Dann geht er sich in seinem Verschlag umziehen und schminken. Er tut es selbst. Er bereitet auch seine Requisiten selbst vor. Im Zirkus ist jeder gleich.Popow ist jetzt fünfzig Jahre Clown. Einen schnellen Ruhm gibt es in seinem Metier nicht. Ist das ein Grund, dass es die ganz großen Clowns nicht mehr gibt? "Doch, es gibt sie", widerspricht Popow, "aber die jungen Leute müssen vor allem lernen zu arbeiten. Man muss das, worüber man seinen Spaß machen will, selbst erst mal perfekt beherrschen. Und man muss das lernen wollen, denn zwingen kann man niemanden dazu. Viele kriegen jedoch zu früh die Sternenkrankheit, wie ich das nenne, sie fühlen sich als große Stars, weil das Publikum über sie lacht, und denken dann, dass sie alles erreicht haben, was zu erreichen ist. Das ist dumm. So wird man kein guter Clown, sondern höchstens ein Narr. " Der große Oleg Popow tritt nur noch gelegentlich auf. Lange Tourneen, heute in dieser Stadt und morgen in jener, will er sich nicht mehr antun. Ganz aufhören aber will er auch nicht: "Solange der Kopf seinen Dienst tut und die Hände und die Beine, werde ich arbeiten", sagt er. "Man rostet ein, wenn man nichts mehr tut. Jeder, der sich für zwei Wochen ins Bett legt, fängt schon an zu verrosten. Und ich will nicht rosten. " Er braucht den Zirkus. Oleg Popow hat immer für den Zirkus und nur für den Zirkus gelebt, seit er Anfang der fünfziger Jahre seine Karriere als Schlappseiltänzer und Jongleur begann. Als Clown wurde er quasi durch Zufall entdeckt: Er war für den damals schon berühmten sowjetischen Clown Karandasch eingesprungen und hatte damit einen Riesenerfolg. "Da habe ich gemerkt, dass Clown meine Berufung ist. Das war ein Glück für mich. Ich bin seither an jedem Tag voll Freude auf meine Arbeit aufgestanden, auch wenn es eine schwere Arbeit war. " 1955 bekam er sein erstes Engagement am Moskauer Staatszirkus - als Chef-Clown sozusagen. Und als Clown brachte er es zu höchsten Ehren. Er wurde Volkskünstler der UdSSR, kriegte den Rotbannerorden und den Leninorden und beim Zirkusfestival in Monte Carlo einen "Goldenen Clown", den Oscar des Zirkus. Mit dem Staatszirkus gastierte er auf allen Kontinenten, und in Moskau garantierten die beiden festen Häuser des Unternehmens mit allen technischen Einrichtungen beste Arbeitsbedingungen und ausverkaufte Vorstellungen. Wer Oleg Popow im "alten" Zirkus am Gartenring erleben wollte, musste schon Beziehungen haben.Manche der Nummern, die er dort zeigte, sind zu Klassikern geworden und laufen heute noch, andere wie die Parodie auf die ordensbehängten Sowjetpolitiker hat die Zeit überholt. Noch immer denkt sich Oleg Popow neue Szenen aus, verbessert sie immer wieder. Früher fing er den Sonnenstrahl in der Manege mit seiner Tasche ein und trug ihn hinaus, heute schüttet er das eingefangene Licht vor seinem Abgang über das Publikum. "Eine gute Clownsnummer braucht manchmal Jahre, bis sie ausgereift ist", sagt er. "Es ist wie mit einem Diamanten: Man muss ihn so lange schleifen, bis er in seiner vollen Pracht erstrahlt. " Und deswegen kann er sich auch mit der Schwemme von Comedy-Shows im Fernsehen nicht so recht anfreunden: "Die haben da gar keine Zeit mehr, lange über etwas nachzudenken. Sie müssen jeden Tag neue Pointen, neue Gags haben, und das merkt man dann auch. " Doch trotz Fernsehen und Blödelshows und Computerspielen glaubt Oleg Popow an die Zukunft des Zirkus. Schon wegen der Kinder: "Die sehen hier manchmal zum ersten Mal bewusst eine Taube oder ein Pferd aus der Nähe oder meinetwegen auch nur eine Ente. Und es ist, als ob sie im Zirkus eine ganz neue Welt für sich entdecken. " Natürlich braucht man Computer, sagt er, wenngleich er selbst sehr gut ohne auskommt und seine Briefe lieber ganz altmodisch mit der Hand schreibt, "für die Arbeit, für den Beruf, aber man muss doch nicht den ganzen Tag davor verbringen. Die Kinder können doch nicht auf dem Sessel anwachsen, sie müssen sich bewegen, Sport treiben, die Natur erleben, das Theater lieben oder auch den Zirkus. Und dafür müssen die Eltern sorgen, sonst stehlen sie ihren Kindern die Kindheit. " Die schöne junge Frau, die bei Popows Sarrasani-Gastspiel so hochnäsig sein Herz in die Tonne warf, ist im wahren Leben die dreißig Jahre jüngere Ehefrau des Clowns. Beide leben heute in einem kleinen Dorf in der Nürnberger Gegend, die Straße heißt "Am Schelm", aber es hat nichts mit dem prominenten Bewohner zu tun. Sie hieß schon früher so. Die Geschichte ist wie aus dem Film: Gabrielle Lehmann kam 1989 zu einer Zirkusvorstellung in Aschaffenburg, bei der er mitwirkte, doch es gab keine Karten mehr, und der berühmte Clown gab seiner Verehrerin nicht nur ein Autogramm, sondern besorgte auch einen Platz für sie am Rand der Manege, und so nahm alles seinen Lauf. Sie fing beim russischen Zirkus an zu arbeiten, musste selbst Russisch sprechen lernen, und drei Jahre später heirateten sie in Holland, wo der Zirkus gerade gastierte. Gabrielle tritt auch heute noch zusammen mit ihrem Clown auf, sie dressiert Tiere für einige seiner Reprisen, macht Stepptanz oder gibt die jonglierende Puppe.Natürlich kennt man ihn in seinem Dorf, sagt Popow, aber da kennt sowieso jeder jeden und insofern fällt er nicht weiter auf. Für längere Unterhaltungen mit seinen Mitbewohnern fehlen ihm ohnehin die Worte, außer "Grüß Gott", was er inzwischen gelernt hat, spricht er so gut wie gar nicht Deutsch, und in der Familie ist deshalb auch Russisch die Amtssprache.Ist Oleg Popow von Natur aus der große Spaßmacher? "Nein", sagt er, "obwohl mancher das erwartet. Aber Lachen ist eine ernsthafte Angelegenheit, man muss ernsthaft überlegen, was zu tun ist, um die Leute zum Lachen zu bringen, und das ist etwas Anderes als wenn man Witze reißt und alle machen hahaha. " Auch seine Frau weiß, dass er zu Hause nicht ständig die ulkige Nummer ist. "Aber ich habe noch nie erlebt, dass er schlechte Laune hat. Er hat ein wunderbar sonniges Gemüt. "Leute zum Lachen zu bringen ist eine ernsthafte Arbeit.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN (2) Oleg Popow, wie man ihn auf der Straße trifft, und Oleg Popow, wie ihn Millionen im Zirkus kennen.