AT teilweise nicht OCR-lesbarOliver Kultk ist immer auf Empfang. Nie würde er ohne sein Handy das Haus verlassen und damit riskieren, daß Ihm ein wichtiger Anruf entginge. ~lch bevorzuge das D-2-Netze , beginnt er einen kleinen ~rtrag. "CNetz ist das Arbeltslosen-Netz. Kann man abhören, was besonders bei Bankgeschäften peinlich werden kann. Außerdem hat 02 den besseren Service. Da kann man aus dem Auto heraus Flüge buchen/ Oliver Kulik ist Auszubildender, 19 Jahre alt und wohnt bei seinen Eitern. Er wickelt keine Bankgeschäfte ab, er ist noch nie geflogen und macht gerade erst den Führerschein. Und wichtige Telefonanrufe bekommt er auch nicht. Zumindest nicht mehr, seitdem er ausgestiegen ist."Führers" PrivatsekretärBis vor wenigen Wochen war 011ver einer der aktivsten Neonazis Berlins. Er meldete Demonstrationen an, die jedoch stets verboten wurden. Bei allen wichtigen rechten Vereinen war er Funktionär oder zumindest Mitglied. Auch bei den Verbotenen. Oliver Kulik bezeichnete sich als "Privatsekretär" von Arnulf Priem, dem inzwischen inhaftierten ~Führer von Berlin" und stand in engem Kontakt zu Christian Worch, Deutschlands Neonazi Nummer eins. Der Junge aus Marzahn gab sogar eine eigene Zeitschrift heraus. Insgesamt dreimal erschien die Hetzschrift gegen Ausländer und Juden. Die Hefte ließ er In den Niederlanden drucken und in Deutschland verteilen. Das letzte erschien im Juni dieses Jahres.Eine Kostprobe: (Die Schreibweise entspricht der des Originals): "Möchten Sie, daß ihre Kinder oder Enkelkinder in der Schule neben einen Menschen sitzen, bei dem man aus Gründen der Assimilation (Verrnlschung von Rassen) nicht eirunal mehr sagen kann, ob er nun ein halb oder ein achtel Neger ist, so 58 Prozent bis 78 Prozent? Nein, dann kommen Sie zu uns, in unsere Gemeinschaft! AUSLÄNDER RAUS!"~takti~*" 4~eute saVOllver~lss sei allW¶~vr gewesen. Nie sei er ~~~sser ~et ~in -- Auslände~f~ih" gewesen. "Mensch, meine Schwester hat ,nen Pakistani. Und die Kinder von denen sind echt süß. Das hätte ich doch nie gewollt, daß die nach der Machtübernahme an die Wand gestellt worden wären." An die Machtübernahme "mit Massenexekutlonen", daran hat Oliver die ganze Zeit geglaubt. ~Aber jetzt nicht mehr. Ist doch illusorisch."Warum ist Oliver Kulik ausgestiegen? Warum ist er überhaupt elngestiegen, wo er angeblich nichts gegen Ausländer und Juden hat?Oliver versteht sich gut mit seinen Eltern und Geschwistern. Doch außerhalb der Familie, da fliegen Ihm die Sympathien nicht einfach zu. Er bewegt sich linkisch, spricht geschwollen, es mangelt Ihm an realistischer Selbsteinschätzung. "Wenn es anders gekommen wäre", sagt 011ver, "wäre ich Modell geworden. Ich meine, ich seh echt top aus und kann unheimlich charmant sein. Damit nicht genug: "Ich kann reden und bin ein echtes Organisationstalent!, Oliver Kulik ist der Junge, den die anderen beim Fußball nicht mitmachen lassen. "Freunde habe Ich hier in Marzahn nicht. Kumpels vielleicht. Na ja, man kennt mich."1990, Ollver ist gerade 15, sieht er zu Hause in Marzahn im Hausfür einen Aufideber der "Nationalistlschen Front", die inzwischen verboten wurde. Er schreibt an die Kontaktadresse und wird mit Propagandamaterial zugeschüttet. "Ich habe jede Zeile auswendig gelernt. Bald hab, ich alle an die Wand geredet."Es dauert fast zwei Jahre, bis Oliver die Telefonnummer von Arnulf Priem heraus bekommt. "Komm vorbei", sagt Priem. Zwei Stunden später sitzt Oliver bei dem berühmten Kameraden Priem auf dem Sofa. Endlich. Oliver ist wichtig. Irgendwann nimmt Priem Oliver mit nach Hamburg, zu Christian Worch. Oliver darf in des "Führers" Wohnung im Schlafsack auf dem Boden schlafen. Das ist mehr als ein Ritterschlag. "Der Christian hat mir vertraut. Bedingungslos", sagt Oliver. Es klingt nostalgisch, so als trauere er der guten alten Zeit ein wenig nach. Der Zeit, als Oliver Kulik noch jemand war.~Geselliges Beisammensein mit den Wichtigen der Szene. Das klingt nicht besonders gefährlich. Doch allmählich überschritten Oliver Kuliks Kontakte die Harmlosigkeitsgrenze. Zum Beispiel die Beziehungen zu Bernd Koch aus Solingen. Koch war Deutschlandchef des "Arbeitskreises deutsche Interessen" (ADI). Oliver wurde Berliner Landesvorsitzender des ADI. Koch wiederum war Mitglied in der Kampfsportschule "HakPao", in der auch die Brandstifter von Solingen trainierten.Übungen mit SprengstoffDie in Wien erscheinende Zeitschrift "Profil" und die "taz" behaupten zudem, von der Polizei unwidersprochen, die Neonazis, die vor einem Jahr in Österreich zehn Briefbomben verschickten, hätten Kontakte zum Berliner Landesverband des ADI -- Kontakte also zu Ollver Kulik. Im Wald bei Königs Wusterhausen soll er zu Sprengstoffübungen eingeladen haben, an denen auch Beschuldigte der Wiener Briefbombenaffäre teilgenommen hätten. Oliver Kulik bestreitet alle Vorwürfe.In diesem Jahr bekam Oliver z~m ersten Mal die negativen Seiten des Neonazidasems zu spüren. Im August versuchte er, zusammen mit Christian Worch, den Heß-Gedenkniarsch zu organisieren, Das scheiterte. Unter anderem auch, weil die Polizei Oliver vorsichtshalber festnahm. " Das war ein traumatisches Erlebnis", sagt Kulik. "Ich bin es nämlich nicht wert, in einer Zelle zu sitzen."BundespoliZei ermittelt Das war nur der Anfang. Die Polizei begann Kulik immer interessanter zu finden. Bei der ersten Hausdurchsuchung ist die Polizeitruppe angeblich plötzlich durch die geschlossene Tür in die Wohnung seiner Eltern gestürmt. Das verschlechterte Olivers Verhältnis zu seinen Eltern.Im elterlichen Briefkasten stapelten sich seitdem Vorladungen für ihren Sohn. Polizei und Staatsanwaltschaft wünschen sich ein Gespräch. Darunter auch das BKA. Die Bundespolizisten prüfen, ob Oliver Kuilk etwas mit dem Bombenanschlag auf den Nazlausstelger Ingo Hasselbach zu tun habe.Oiivcrs große Vorbilder, Ewald Althans und Arnulf Priem, sitzen mittlerwelle Im Gefängnis. Christian Worch ist ebenfalls zu zwei Jahren Haft verurteilt worden und wird seinen Umzug hinter Gitter mit einer Berufung allenfalls noch ein halbes Jahr hinauszögern können.Und dann ist da nach die Berllner Antlfa, dle inzwischen ein Auge auf Kamerad Kulik geworfen hat. Vor einigen Wochen verteilten sie In Marzahn Flugblätter, die über den "Neonazl In unserem Klez" aufklären. Oliver beschließt, fortan Ausländer und Juden gut, Neonazis hingegen doof zu finden. Der Ausstieg. "Ich muß an meine Familie denken, an melne Freundin und an melne Berufsausbildung."Ihm kann doch keinerDie militaflte rechte Szene ist derzeit führer- und ftihrungslos. Oliver Kulik rechnet damit, daß sich in dieser Situation rüemand um ein so kielr~es Lämpchen, wie er eines war, sEffl~haft Gedanken macht. Ein günstiger Augenblick für die "Rückkehr ins bürgerliche Lager".Will die Gesellschaft ihn denn zurtlckhaben? Dle "Systemknechte", denen er vor Monaten noch drohte, daß sie nach der Machtübernahme "nicht einmal eine Überlebensrate von nur einem Prozent" haben würden? "Klar", glaubt Kulik. "Müssen die ja. Ich bin doch ausgestiegen. Da kann mir keiner mehr was wollen."Die Hetze, auch seine Hetze, war der Motor für die Ausländerjagd, die Prügel, die Morde. Für Oliver Kulik war sie nur Teil eines Spiels. Er war Stürmer. Als die Gegner härter zur Sache gingen, ließ er sich auswechsein. Um nicht verletzt zu werden. Und nun, glaubt Oliver, für ihn sei das Spiel vorbei."Ich mache jetzt reinen TlschTM, sagt Oliver. Damit meint er, daß er erwägt, sein Bankschließfach ieerzuräumen, sein Postfach zu kündigen und sich eine neue Nummer für sein Handy geben zu lassen.Von Bedauern sagt er nie etwas.