WOLTERSDORF. Der kraftlose alte Mann mit dem weißen Bart war zusammengebrochen. Er flehte verzweifelt nach Wasser. Doch die Menschen strömten achtlos an ihm vorbei - dem Sammelplatz entgegen. Oljean Ingster kann sich gut an den Greis erinnern. Auch er, seine Eltern und die Schwester liefen damals einfach weiter. Doch dann kehrte Oljean zurück. Er gab dem Alten von dem mit Wasser vermischten Kirschsaft zu trinken, den er bei sich hatte. Der Alte schluckte gierig, bedankte sich und sagte: "Du wirst sehen, Gott wird dich beschützen." Er, Oljean, werde die Hölle überleben.Oljean Ingster sitzt an dem Esstisch in seinem Haus in Woltersdorf bei Berlin. Vor sich hat der 82-Jährige Fotos ausgebreitet. Sie zeigen ihn mit Freunden, als Kantor der Synagoge in der Berliner Rykestraße. Die Fotos stammen alle aus der Zeit nach dem Krieg. Nicht eines zeigt seine Eltern oder die Schwester. Von ihnen existieren keine Fotos mehr. Die Eltern, seine Schwester und alle anderen Verwandten kamen in den Vernichtungslagern der Nazis um.Kaddisch für die TotenOljean Ingster ist einer der 300 Überlebenden des Holocausts, die in der nächsten Woche an den Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück teilnehmen werden. Der Kantor der Synagoge in der Berliner Rykestraße wird bei der zentralen Gedenkfeier das Kaddisch, das traditionelle jüdische Totengebet, sprechen.Ingster hat ein freundliches Gesicht. Es scheint, als habe er immer ein Lächeln auf den Lippen. Auch, als er aus seinem Leben erzählt. Er sagt, er könne sich noch gut an den alten Mann auf dem Sammelplatz für die Juden erinnern. Das war bei Krakau. Fast 70 Jahre liegt dieses Ereignis zurück. Vielleicht waren es ja die Worte des Alten, die ihn beschützten in all den Jahren des Naziterrors. Ingster hat acht Konzentrationslager überlebt.Oljean Ingster war 13 Jahre alt, als die Juden 1941 für den Transport in die Vernichtungslager zusammengetrieben wurden. "Ich wollte bei meiner Mutter bleiben", sagt er. Doch man habe ihn mit Tritten zum Arbeitskommando getrieben. Dann wurden sie in Viehwaggons verladen. Oljean kam in das Lager Rzeszow, das der SS unterstand. "Wir waren ein Außenkommando von Auschwitz, mussten im Flugmotorenwerk arbeiten. Ich habe mich als 16-Jähriger ausgegeben, um arbeitsfähig zu sein." Ein 13-Jähriger wäre sofort ins Gas gekommen.Es gab 250 Gramm Brot am Tag und einen dreiviertel Liter Suppe "aus viel Wasser". Der Hunger war ständiger Begleiter. Zunächst waren nicht einmal Strohsäcke zum Schlafen vorhanden. "Die Menschen in den Lagern waren nach spätestens drei Monaten verbraucht", sagt Ingster. Er musste miterleben, was mit denen geschah, die nicht mehr konnten. Miterleben, wie sein Onkel ermordet wurde. "Von den 500 Juden im Lager durfte nur einer am Tag krank sein", erzählt er. Sein Onkel war der zweite. "Ich habe gesehen, wie ein junger SS-Mann, der Sonderurlaub bekommen wollte, meinen Onkel erschossen hat."Er selbst war dem Tod oft sehr nah. In Salzgitter war er bei der Bombenproduktion eingesetzt. Es gab keine Handschuhe. Ein Metallspan bohrt sich unter einen Fingernagel. Oljean Ingster drohte, an einer Blutvergiftung zu sterben. "Wir hatten zwar unter den Gefangenen einen Chirurgen, aber keine Instrumente", sagt Ingster. Eine Rasierklinge wurde ausgekocht, dann der Fingernagel abgenommen - ohne Narkose. Er hat die Schmerzen bis heute nicht vergessen. Dass er dann zum Fensterputzen eingesetzt wurde, war Glück für ihn. Denn in der folgenden Nacht wurde das Werk bombardiert. "16 Gefangene, die dort arbeiteten, starben. Ich wäre auch dabei gewesen, wenn das mit dem Finger nicht gewesen wäre."Ingster kam in weitere Lager, nach Sachsenhausen, nach Flossenburg und in das Elsaß. Im Dezember 1944 wurde er zurück nach Sachsenhausen deportiert. Dort bekam er eine neue Nummer, war nun der Gefangene 106 965. Er musste Blindgänger ausgraben. Er sah, wie zwei Mitgefangene durch eine Mine zerfetzt wurden. Er sah, wie Häftlinge am Galgen endeten, weil sie Sabotage betrieben haben sollen.Als eine Maschine, an der er arbeitete, kaputt ging, wurde er selbst der Sabotage bezichtigt. "Ich dachte, das wäre der letzte Tag in meinem Leben", erinnert er sich. Ein Scharführer schlug und trat ihn zusammen. Aber er kam mit dem Leben davon. Am 21. April 1945 wurde er mit tausenden anderen Häftlingen auf den Todesmarsch geschickt. Es gab ein halbes Brot und eine Büchse Pferdeleberwurst - das musste für zwei Gefangene reichen - bis zum Ende. Die entkräfteten Häftlinge wussten, dass die SS keine Überlebenden wollte.Im Wald von Below war der Marsch zu Ende. Oljean Ingster war 17 Jahre alt und völlig abgemagert, als er und die anderen Häftlinge befreit wurden. 34 Kilogramm wog er nur noch. "Ich habe mir vorgenommen, zu überleben. Und ich habe überlebt", sagt Ingster. Wer so viel Furchtbares erlebt habe, der verliere auch die Ängste.Ohne HassOljean Ingster ist nach seiner Befreiung 15 Jahre in Schwerin geblieben. Er hat sein Abitur nachgeholt, später wurde er Abteilungsleiter im Funkwerk Köpenick. Seit 1966 ist er Kantor in der Synagoge in der Rykestraße. Jahrzehnte hat er gebraucht, um über das Erlebte zu sprechen. "Jetzt redet er schon etwas mehr darüber", sagt seine Frau, mit der er seit 30 Jahren liiert ist. Sie sagt, sie verstehe nicht, dass er überhaupt keinen Hass in sich trage. Oljean Ingster lächelt noch ein wenig mehr bei diesen Worten.------------------------------Feiern zum GedenkenFeierlichkeiten: Vom 16. bis 19. April wird der Befreiung der KZ Sachsenhausen und Ravensbrück vor 65 Jahren gedacht. Rund 300 überlebende Häftlinge werden erwartet. Zur zentralen Gedenkveranstaltung am 18. April sprechen in Ravensbrück (10 Uhr) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), in Sachsenhausen (15.30 Uhr) Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sowie Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD).Museumseröffnung: Am 16. April, 14 Uhr, wird das Museum des Todesmarsches im Belower Wald bei Wittstock neu eröffnet. Es war 2002 bei einem antisemitisch motivierten Brandanschlag zerstört worden.Zusammentreffen: Bei einem "Tag der Begegnung" in Sachsenhausen werden am 17. April Jugendliche mit ehemaligen Häftlingen zusammentreffen.Aufführung: Einer der Höhepunkte ist am 17. April die Aufführung der im Lager entstandenen Operette "Le Verfügbar aux enfers" um 15 Uhr in der Gedenkstätte Ravensbrück durch das Pariser Théâtre du Châtelet.Zeitzeugengespräch: Am 19. April findet im Berliner Abgeordnetenhaus ein Gespräch mit drei Überlebenden des KZ Sachsenhausen statt. Alfred Biolek moderiert die Veranstaltung.Sachsenhausen: Das KZ Sachsenhausen mussten Häftlinge 1936 errichten. Dort waren bis 1945 rund 200 000 Menschen inhaftiert: Gegner des Nazi-Regimes, Juden, Homosexuelle und Kriegsgefangene. Zehntausende wurden ermordet oder starben an Hunger und Krankheiten. Am 22. April 1945 wurde das Lager von sowjetischen und polnischen Truppen befreit.Ravensbrück: Im KZ Ravensbrück waren von 1939 bis 1945 rund 132 000 Frauen und Kinder sowie etwa 20 000 Männer inhaftiert. 1942 wurde in unmittelbarer Nähe das "Jugendschutzlager Uckermark" errichtet, etwa 1 000 Mädchen mussten dort leiden. In dem KZ starben mehrere zehntausend Häftlinge. Die Rote Armee befreite das Lager am 30. April 1945.Todesmärsche: Vor der Befreiung hatte die SS den größten Teil der Häftlinge der beiden Lager auf sogenannte Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben, um ihre Befreiung zu verhindern. Mehrere tausend Gefangene starben dabei.Weitere Infos zu den Veranstaltungen unter www.stiftung-bg.de------------------------------Foto: Oljean Ingster ist heute 82 Jahre alt. Er wird auf der Gedenkfeier das traditionelle jüdische Totengebet sprechen.