HIBER, 8. November. Ich muss jetzt oft daran denken, wo ich den 9. November 1989 verbracht habe. Im Trainingslager in einem Sperrgebiet bei Murmansk. Da haben wir im Fernsehen plötzlich Menschen über eine Mauer klettern sehen und wollten unseren Augen nicht trauen. Ich bin zur Post gelaufen und habe stundenlang auf ein Telefonat gewartet. Vergeblich. Erst drei Wochen später flogen wir nach Hause, und erst dann habe ich alles erfahren. Meine Schwester drückte mir in Schönefeld einen Stapel Zeitungsausschnitte aus der "Jungen Welt" in die Hand. Das war plötzlich eine ganz andere Zeitung in einer anderen Welt. Und heute, da lebe ich im US-Bundesstaat Utah in den Rocky Mountains, eine Autostunde von Salt Lake City entfernt. Ich bin mit einem ehemaligen Marine verheiratet. Das sagt schon fast alles darüber aus, wie sich mein Leben verändert hat.Ich habe als Kind immer von Olympischen Spielen geträumt. Ich habe meinen Sport geliebt. Ich wollte auf die Kinder- und Jugendsportschule. Aber ich wollte nicht alles mitmachen, was man von mir verlangte. Deshalb habe ich 1985 im Trainingslager in Schweden die so genannten "blauen Bohnen", die Anabolika-Pillen, nicht geschluckt. Meine Tante, eine Ärztin in Magdeburg, hat mir gesagt, was das ist. Es war Oral-Turinabol, mein Vater hatte mich davor gewarnt.Ich war damals siebzehn Jahre alt, ich habe Doping verweigert. Das war der Abschied vom Leistungssport beim SC Motor Zella-Mehlis. Und das, obwohl ich bei der WM mit der Skistaffel Dritte geworden war. So brutal ging man im DDR-Sport mit denen um, die sich nicht konform verhielten. Ich habe dann an der PH Potsdam studiert, bis man mir drei Jahre später eine neue Chance im Biathlon gab.Auch mein Vater, der eine Zeit lang Klubtrainer war, wollte damit nichts zu tun haben. Wegen "Abweichungen von der Verbandskonzeption", so hieß das damals, hat ihm der Skiverband 1985 gekündigt. Er hat nach der Wende in den Medien sehr oft über diese Geschichten geredet. Nach meinem Olympiasieg in Albertville hat er dann dem Deutschen Skiverband im Fernsehen vorgeworfen, sich vor allem mit den Doping- und Stasibelasteten Trainern verstärkt zu haben. Danach ist er als Rechtsradikaler und Nestbeschmutzer bezeichnet worden. Wir haben viele Drohbriefe erhalten. In einem hieß es: "Lange wirst du Thüringens Sonne nicht mehr genießen, sondern drei Löcher im Kopf haben." Es war schockierend. An der Sportschule in Oberhof haben die alten Kameraden meinen Vater inzwischen systematisch rausgemobbt.1995 habe ich aufgehört und bin ganz nach Amerika gegangen. Wenn mir heute am Telefon jemand erzählt, wie das in Deutschland läuft, wie die Ostalgie gepflegt wird, dann möchte ich am liebsten den Hörer aufknallen. Es ist seit Jahren immer dasselbe, am großen Bild ändert sich nichts mehr. Ich bin froh, dass ich so weit weg bin, hier geht mir vieles nicht mehr so nah.Von den Verantwortlichen hat sich niemand bei mir entschuldigt. Viele dieser belasteten Leute sind wieder in Positionen gekommen. Gerhard Grimmer zum Beispiel, der ehemalige Chef des ASK Oberhof, ist im Landessportbund Thüringen für Leistungssport zuständig. Unglaublich. Ich könnte noch ein paar Dutzend Beispiele aufzählen. Wer wird schon verantwortlich gemacht? Die Täter laufen frei herum, viele dienen wieder ganz beflissen dem neuen Sportsystem. Geldstrafen, wie sie einige wenige Ärzte oder DTSB-Vizepräsident Thomas Köhler bekommen haben, sind ein Witz.Ich kann es kaum anders formulieren, die Doping-Ärzte widern mich an. Ich höre noch, wie Peter Gleichmann, der leitende Sportarzt im Bezirk Suhl, zu meiner Schwester gesagt hat, sie sei "biologisch minderwertig". Meinen Vater hat er aufgefordert, das Training zu "brutalisieren". Die Wortwahl erinnert an die Sprache des Dritten Reichs. Später habe ich gelesen, dass Gleichmann als IME "Werner Zimmer" für die Stasi gearbeitet hat. Wer von den Ärzten hat schon Sportler um Verzeihung gebeten? Das Schlimme ist, dass ich von immer mehr Sportkameradinnen Geschichten über ihre gesundheitlichen Probleme höre. Von einigen weiß ich, dass ihre Kinder Krankheiten oder auch Missbildungen haben, die wahrscheinlich auf Dopinggaben zurückzuführen sind. Ich bin so froh, dass ich dieses Zeug nie genommen habe. Meine Tochter ist jetzt drei Jahre alt und kerngesund."Ich habe meinen Sport geliebt. Aber ich wollte nicht alles mitmachen, was man von mir verlangte. "