DUBLIN, 29. April. Der Weltsport hat eine neue Dopingaffäre, die ähnlich spektakulär sein dürfte wie die des kanadischen Sprinters Ben Johnson (1988) oder die der Neubrandenburgerin Katrin Krabbe (1992). Die irische Schwimmerin Michelle de Bruin (28), die unter ihrem Mädchennamen Smith 1996 in Atlanta mit sensationellen Steigerungsraten drei Olympiasiege errang, soll eine Urinprobe manipuliert haben. Die am 10. Januar 1998 bei einer unangemeldeten Trainingskontrolle in de Bruins Wohnort Kilkenny entnommene Probe habe "unzweideutige Zeichen einer Verfälschung ergeben", teilte der Welt-Schwimmverband Fina mit. Manipulation, gleich welcher Art, wird wie ein positiver Test gewertet und mit einer vierjährigen Sperre bestraft. Außerdem würden de Bruin die beiden bei den Europameisterschaften 1997 in Sevilla gewonnenen Titel aberkannt.Der holländische Trainer und Ehemann Erik de Bruin, der seine Frau als Autodidakt zu wundersamen Verbesserungen führte, hat wegen Dopings bereits eine Vierjahressperre abgesessen. Der WM-Zweite von 1991 im Diskuswerfen war 1993 des Gebrauchs eines anabolen Steroids überführt worden. Die Londoner Times ("Neue Wolken überschatten das Golden Girl") hatte als erste von dem Fall berichtet, nachdem der irische Verband am Montag von der Fina über die A-Probe unterrichtet worden war. Bis zum 18. Mai muß nun die B-Probe analysiert werden.Nationale InszenierungAm Mittwoch gab de Bruin, flankiert vom dopingerfahrenen Ehemann sowie ihrem Anwalt Peter Lennon, in Lennons Kanzlei eine Pressekonferenz. Vielleicht hätte sie lieber in der Kirche neben dem zweistöckigen Geschäftshaus beichten sollen doch de Bruin stritt alle Vorwürfe ab: "Ich bin unschuldig." Sie habe weder verbotene Substanzen zu sich genommen, noch die Urinprobe manipuliert. Sie hoffe, "der gute Name und das Ansehen Irlands werden siegreich aus dieser unglücklichen Geschichte hervorgehen", sagte de Bruin mit Tränen in den Augen und bat um Unterstützung der einheimischen Medien. Der Auftritt war als nationale Angelegenheit gut inszeniert. De Bruin trug passend dazu ein Kostüm in Irlands Landesfarbe grün.Diesmal aber handelt es sich nicht um Vermutungen oder darum, daß die Schwimmerin den Dopingfahndern entwischte (November 1996) und mit einer Verwarnung davonkam es liegen Fakten auf dem Tisch, die de Bruin nicht entkräften konnte. Vieles von dem, was erklärt wurde, hat man so oder ähnlich bei anderen Dopingangelegenheiten gehört. Da wurden Journalisten geschmäht, mit Klagen gedroht, da wurde behauptet, die Urinflaschen seien auf dem Weg von Kilkenny ins Labor in Barcelona manipuliert worden. Ferner in der Diskussion: die spezifische Dichte und die Menge des abgegebenen Urins; sowie die Sauberkeit der von den Dopingfahndern, dem schwedischen Ehepaar Guy, verwendeten Utensilien. Laut Laborbericht soll die Probe "sehr stark" nach Whisky gerochen haben.So wurde viel über Alkohol und das mögliche Farbenspiel von mit Whisky verdünntem Urin spekuliert. Verwundern muß an der Affäre jedoch auch, daß die Fina das Untersuchungsergebnis seit dem 5. Februar 1998 kennt, aber dieses erst 71 Tage später nach Irland weiterleitete. De Bruin erklärte sich zur "am meisten kontrollierten Schwimmerin der Welt". Zwischen "zwölf und fünfzehn oder sechzehn Mal" soll sie seit Atlanta getestet worden sein, sagte ihr Anwalt. Keineswegs rekordverdächtige Werte. Es gibt zahlreiche deutsche Schwimmerinnen, die in einem Jahr so oft zur Flasche gebeten werden die vielleicht deshalb nicht so erfolgreich sind wie Michelle de Bruin?