PRAG, 3. Juli. Am Tag nach dem Wahlgang widmete sich das IOC praktischen Fragen. Zu Gast auf der 115. Vollversammlung war der freundliche Herr Mizuno, in dritter Generation Chef des gleichnamigen Familienkonzerns. Er führte den IOC-Mitgliedern die Kleidung für die nächsten Sommerspiele vor. "Sie bekommen zwei Hemden, eine Windjacke und eine Mütze aus einem neu entwickelten, fantastischen Material", sprach Mizuno San: "Und in der Athener Hitze fühlen Sie sich gleich zwei Grad kühler. Sollte es Ihnen dennoch zu heiß werden, können Sie leicht die Ärmel abnehmen." Die Vorführung kam gut an im Sitzungssaal des Prager Hilton Hotels. Nur IOC-Präsident Jacques Rogge hatte eine Kleinigkeit einzuwenden. "Herr Mizuno, Sie bringen mich in Verlegenheit, denn ich sage meinen Mitarbeitern in Lausanne eigentlich immer, dass sie die Ärmel hochkrempeln sollen."Flucht vom Ort des GrauensWährend das IOC also scherzte und sich mit den kleinen Tücken des Alltags beschäftigte, war anderen gar nicht nach Lachen zu Mute. Unmittelbar zuvor waren die letzten Österreicher dem Ort des Grauens entflohen. Nur 16 von 111 Stimmen hatte Salzburg am Mittwoch bei der Vergabe der Winterspiele 2010 erhalten. Es war eine brutale Abfuhr für eine Bewerbung, an der auch Deutschland mit der Bob- und Rodelbahn am Königsee beteiligt war. Das koreanische Pyeongchang (51) und das kanadische Vancouver (40) zogen ins Finale ein, wo schließlich Vancouver mit 56:53 gegen den Herausforderer obsiegte. Bis zu ihrer Abreise mussten Salzburgs Emissäre noch die üblichen Heucheleien ertragen. "Mir allein haben fünf IOC-Mitglieder gesagt, dass sie uns natürlich gewählt hätten. Bei mindestens zweien weiß ich hundertprozentig, dass das gelogen war", sagte Pressechef Michael Schuen.Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee hatte nach dem knappen Votum für Vancouver noch gesagt, er hoffe, dass die europäischen Mitglieder nicht schon auf die Sommerspiele 2012 spekuliert hätten. Indes versuchte kaum jemand im IOC, dieses Wahlverhalten zu leugnen. Die Zahlen sprachen für sich: 53 Europäer waren im ersten Durchgang stimmberechtigt - Salzburg schied mit kläglichen 16 Voten aus und wird wohl für 2014 nicht wieder antreten. Zu deutlich war das Signal: An Pyeongchang führt beim nächsten Mal kein Weg vorbei. Dann werden die koreanischen Bittsteller erneut um die Welt düsen und Sponsorenverträge mit kleinen NOKs abschließen. Es wird interessant zu beobachten sein, in welchen Ländern der Samsung-Konzern demnächst als neuer Sponsor auftritt. Die Koreaner haben auch auf diplomatischem Feld alle Ressourcen genutzt: In einer Reihe von Ländern mit IOC-Mitgliedern tauschten sie in den vergangenen Monaten plötzlich Botschafter oder Konsule aus: So konnten sie die ortsansässigen Honoratioren gleich zweimal zum Bankett laden und auf Pyeongchang einstimmen; je einmal bei der Verabschiedung des alten und der Begrüßung des neuen Statthalters aus dem Land des Lächelns.Während an der kanadischen Westküste der Olympiasieg gefeiert wurde, mussten im Osten des Riesenlandes alle Hoffnungen begraben werden: Toronto gab seinen Verzicht auf die Bewerbung für die Sommerspiele 2012 bekannt. "Es macht keinen Sinn, sich jetzt zu bewerben. Das IOC vergibt nicht zwei Olympische Spiele hintereinander an dasselbe Land", teilte Ontarios Premier Ernie Eves mit. Da waren es nur noch neun: New York, Havanna, Sao Paulo oder Rio de Janeiro (die Brasilianer entscheiden am Wochenende), Moskau, Madrid, Paris, London, Istanbul - und Leipzig. Theoretisch sind Leipzigs Chancen um mehr als zehn Prozent gestiegen. In zehn Monaten siebt das IOC-Exekutivkomitee unter den Interessenten die fünf besten aus, die erst dann offiziell den Status einer Candidate City genießen. Im Juli 2005 vergibt die 117. Session in Singapur die Sommerspiele 2012. Nun wird spekuliert, ob nach Toronto auch New York auf eine Bewerbung verzichtet. Dies gilt als unwahrscheinlich. Erst kürzlich hat US-Fernsehgigant NBC dem IOC eine Milliarde Dollar für die Spiele 2012 versprochen. Mit dieser Summe und der Erinnerung an den 11. September 2001 wird man es - Vancouver hin oder her - sicher versuchen.PRESSESTIMMEN // "Die Freude in Vancouver hat eine dunkle Seite: Das Dunkel überschattet Toronto, das nun kaum Chancen hat, als Gastgeber der Sommerspiele 2012 gewählt zu werden. " The Globe and Mail/Kanada."Kanada gewann kein Gold in Calgary 1988 und Montreal 1976. Es ist das einzige olympische Gastgeberland, das keine Goldmedaille gewann. Das soll sich in sieben Jahren ändern. " The Globe and Mail."Ob die Wahl ein Gewinn oder Verlust für die Bewerbung New Yorks für 2012 war, ist unklar. " USA Today/USA."Europa war vereint zu Gunsten von Vancouver: Finden die Winterspiele 2010 in Vancouver statt, haben Europas Städte bessere Chancen 2012. Auch der Atomkonflikt mit Nordkorea hatte einen negativen Einfluss. " Dong-A Ilbo/Südkorea."Positiv, dass Pyeongchang in die zweite Runde vorstieß und Salzburg hinter sich ließ. " Hankook Ilbo/Südkorea."Pyeongchang scheiterte, doch es war erfolgreich, seinen Namen in der ganzen Welt bekannt zu machen. " JoongAng Ilbo/Südkorea."Rot-Weiß-Rot ist auf dem glatten Parkett der internationalen Sportdiplomatie ausgerutscht. " Die Presse/Österreich."Dass Salzburg im ersten Wahlgang noch hinter dem koreanischen Bewerber landete, der nicht über die geringste Wintersport-Erfahrung verfügt, ist vor allem Beweis dafür, dass objektive Kriterien bei der Wahl der Olympiastadt durch das Internationale Olympische Komitee keine Rolle spielen. " Kurier/Österreich."Die goldene Stadt versank im rot-weiß-roten Tränenmeer. Nur 16 Stimmen, schon nach zwei Minuten war alles vorbei. " Kronenzeitung/Österreich."Salzburg hat zwar die Wahl verloren, aber weltweit Sympathien gewonnen. " Salzburger Nachrichten/Österr."Frischer Wind für Madrid 2012. Das IOC setzte nicht nur seine Vorlieben durch, sondern machte auch den Weg frei für die Wahl des Austragungsortes der Sommerspiele in neun Jahren. Und da wird Europa nun größere Chancen haben als Nordamerika. " El País/Spanien."Vancouver hat sich präsentiert als bestes Skizentrum in ganz Amerika. Niemand scheint sich aber daran erinnert zu haben, dass die Skipisten 120 Kilometer entfernt sind. " La Vanguardia/Spanien."Salzburg ist ruhmlos ausgeschieden. " La Gazzetta dello Sport/Italien.Vancouver // Zum dritten Mal nach 1976 (Montreal) und 1988 (Calgary) ist Kanada 2010 Gastgeber Olympischer Spiele. In der Stadt Vancouver sollen bei den Winterspielen alle Eissport-Wettbewerb stattfinden, in Whister, 120 km entfernt, die Ski- und Rodelwettbewerbe.Bei der Abstimmung setzte sich Vancouver in einer Stichwahl mit 56:53 Stimmen gegen Pyeongchang durch. Salzburg hatte sich im ersten Wahlgang mit 16 Stimmen verabschiedet, in dem Pyeongchang 51:40 vor Vancouver führte.REUTERS/GREG BOS Spiele zwischen Meer und Himmel: Während in Vancouver (Foto), an der Westküste, der Sieg gefeiert wurde, gab im Osten Kanadas Toronto seinen Verzicht auf die Bewerbung 2012 bekannt.

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