Am Morgen schaltete ich mein Handy ein und scrollte durch die Nachrichten. Erdbeben in Afghanistan. Mehr als 250 Tote. Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber ich blieb nur kurz an der Meldung hängen. Und scrollte lieber weiter.

Die Luft war frisch und duftete nach den Linden, die in meiner Straße blühen. Der herrlichste Geruch, den Berlin das Jahr über zu bieten hat, finde ich. Im Kühlschrank waren noch Erdbeeren. Kann man eine ganze Kolumne darüber schreiben, wie schön der Juni ist? Über solche Dinge dachte ich nach, nicht über das Erdbeben. Obwohl ich weitere Meldungen sah.

Ich schob den Schrecken aus meinem Sommermorgen. So machen das doch die meisten Menschen, oder? Mit dem Krieg in der Ukraine zum Beispiel, 119 Tage sind vergangen, seit die russische Armee das Land überfallen hat, ich habe die Zahl eben nachgeschaut. Die Meldungen aus diesem Krieg sind seit 119 Tagen kaum zu ertragen, trotzdem lese ich sie, jeden Tag. Aber ich lese sie nicht mehr morgens und abends.

In einer Stunde hundert Leichen gezählt

Als ich ins Büro kam, hörte ich eine Kollegin sagen, die Zahl der Opfer in Afghanistan sei gestiegen. Bald waren es mehr als 900. Am Nachmittag waren es schon mehr als 1000. Es gab jetzt Berichte, in denen Augenzeugen zu Wort kamen. In einem wurde ein Journalist mit dem Namen Rahim Chan Chushal zitiert. Er habe in nur einer Stunde hundert Leichen gezählt, sagte er. Wie übersteht ein Mensch das?

Die Erde bebte in der Nacht, kurz, aber stark, las ich. In den Bergen, im Südosten des Landes, an der Grenze zu Pakistan. Die Menschen schliefen, große Familien in kleinen Hütten, die nichts aushalten. Ganze Dörfer seien in sich zusammengefallen.

In der Region soll es oft Erdbeben geben. So wie in anderen Regionen der Welt auch. Aber in anderen Regionen können sich die Menschen vorbereiten, in Häuser ziehen, die halbwegs erdbebensicher sind. Oder sogar sehr erdbebensicher. Auf Warnsysteme vertrauen, einigermaßen, auf Rettungsdienste, auf einen Staat.

Das Land mit den Taliban sitzen gelassen

Nach allem, was ich über Afghanistan weiß, können die Menschen dort auf überhaupt nichts vertrauen. Der Westen hat sie im Sommer vor einem Jahr mit den Taliban sitzen lassen. Nach zwanzig Jahren, über die ich viele Artikel gelesen habe, als sie zu Ende gingen, und die ich trotzdem immer noch nicht richtig verstanden habe.

Den Krieg, die lange Stationierung der US Army, der anderen Truppen, darunter der Bundeswehr. Den überstürzten Abzug. Die Bilder der Menschen, die irgendwie versuchten, in Kabul auf den Flughafen zu gelangen, in eine Maschine in den Westen, raus aus diesem Land, tauchen in meinem Kopf auf, wenn ich an Afghanistan denke.

Thilo Mischke, der auch eine Kolumne für die Berliner Zeitung schreibt, und anders als ich in Afghanistan war, schon oft, sagt: Es sei eins der schönsten Länder, dass er je besucht habe. Auf einer Feier in Brandenburg unterhielt ich mich vor einem Jahr lange mit einem Mann, der für die Bundeswehr in Afghanistan gewesen war. Er seufzte viel, als er von den Land erzählte, aber er schwärmte auch, so wie Thilo.

Es ist ein Land, über das Leute, die nie da waren, oft sagen: Ich kann mich dafür einfach nicht mehr interessieren, ich schaffe es nicht. Dort wird doch nie etwas gut. Jetzt also ein Erdbeben: wie schrecklich. Und weiter zum nächsten Thema, dem Sommerabend, den Urlaubsplänen.

Das Erdbeben war das fünfte in Afghanistan in diesem Jahr, bei dem Menschen ums Leben kamen, hieß es auf einem Erdbebenblog. Das fünfte, und das schlimmste. Mehr als 1000 Tote. Wie viel mehr, das mag noch keiner schätzen.