41.000 Geschäftsschließungen – der Einzelhandel am Scheideweg

Wer mit seinem Geschäft gut durch die Pandemie gekommen ist, kommt aufgrund steigender Energiekosten nun an seine Grenzen. Den Städten droht ein Kulturwandel.

Bald ein historisches Bild? Einkauf in der Schlossstraße in Steglitz
Bald ein historisches Bild? Einkauf in der Schlossstraße in Steglitzdpa

In den Jahren, in denen Berlin-Mitte sich anschickte, auch die Hauptstadt des Lebensstils zu sein, war an der Eingangstür eines kleinen Geschenke-Ladens am Hackeschen Markt die Aufschrift zu lesen: „Auf ist, wenn auf ist.“ Darin kam die selbstbewusste Haltung des Händlers zum Ausdruck, sich keineswegs ausschließlich als Dienstleister zu verstehen. Tatsächlich hatte das Geschäft derart schöne Dinge zu bieten, dass die Kunden den Missmut, vor einer verschlossenen Tür zu stehen, achselzuckend in Kauf nahmen. Konsum, Kunst und Freizeit gingen Hand in Hand, Wiederkommen war so etwas wie geschenkte Lebenszeit.

Insolvenz, Tristesse und kalkulierter Rückzug

Das Selbstverständnis des deutschen Einzelhandels hat sich in den vergangenen drei Jahren dramatisch verändert. Allein für das laufende Geschäftsjahr, so sagte es Alexander von Preen, der Präsident des Handelsverbands Deutschland, gerade in einem Interview, werde die Schließung von 41.000 Geschäften erwartet, das entspricht etwa dem Achtfachen eines üblichen Geschäftsjahres. Selbst wer gut durch die Pandemie gekommen sei, so Preen, stoße angesichts steigender Energiekosten nun an seine Grenzen.

Insolvenz, Tristesse, kalkulierter Rückzug – über die bloßen wirtschaftlichen Kennzahlen hinaus signalisiert der Niedergang des Einzelhandels einen kulturellen Wandel, der sich längst auch auf das Erscheinungsbild der urbanen Zentren auswirkt.

Stark von einander abweichende Öffnungszeiten, die nicht zuletzt auf Personalmangel zurückzuführen sind, lassen das Einkauferlebnis zu einer Freizeitaktivität mit erheblichem Enttäuschungspotenzial werden. Das Internet hat durchgehend geöffnet, sieht man einmal vom Lieferfiasko ab, das allein in der Fantasie von flinken Drohnen behoben wird. Wer jetzt noch auf der Suche nach Geschenken fürs Fest ist, findet sie in einem Einzelhandel in existenzieller Not – nicht nur zur Weihnachtszeit.