Ärzte als Verwalter von Mangelzuständen: Der Charité-Streik ist nur ein Anfang

Wenn Medizin nicht endlich wieder vom Patienten her gedacht wird, wird das deutsche Gesundheitssystem zusammenbrechen. 

Jana Reichardt ist Ärztin in Ausbildung an der Charité und Mitbegründerin des Warnstreiks. 
Jana Reichardt ist Ärztin in Ausbildung an der Charité und Mitbegründerin des Warnstreiks. Gerd Engelsmann

Viele Menschen machen sich keine Vorstellung davon, was es heißt, in einem Notfall oder bei schwerer Krankheit dringend auf medizinische Hilfe angewiesen zu sein – und sie nicht zu bekommen. In einem reichen Land wie Deutschland, in dem an anderen Stellen noch so viel Überfluss herrscht. 

Andere finden schon allein den Gedanken daran so erschreckend, dass sie sich lieber gar keine Vorstellung davon machen wollen – und verdrängen ihn deshalb so weit in ihr Unterbewusstsein, dass sie Menschen mit Lügen strafen, die von einem schon vor Corona völlig überlasteten Gesundheitssystem berichten. Oder sie hören einfach nicht hin. 

Und dann gibt es noch solche, die sogar behaupten, auch während Corona sei das deutsche Gesundheitssystem an keiner Stelle überlastet gewesen, weder in den Kliniken noch auf den Intensivstationen noch in den Praxen oder sonst wo. Das sind die besonders Ausgebufften. Unter ihnen sind auch einige Politiker. Was sie treibt, ist fraglich. Im besten Falle Ahnungslosigkeit. 

Denn es ist kein Zufall, dass vergangene Woche etwa 1000 Ärzte an der Charité gestreikt haben. Ihnen geht es nicht nur um mehr Geld. Ihnen geht es um halbwegs akzeptable Arbeitsbedingungen in einem ohnehin schwierigen Arbeitsfeld. Spricht man mit den Ärzten oder versucht man auch außerhalb eines Streiks mit Medizinern als Journalist über die Zustände zu sprechen, dann ist da meist sehr viel Vorsicht – und Angst. 

Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Angst, sich um Kopf und Kragen zu reden. Angst, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren. „Wir sind wahnsinnig abhängig von unseren Vorgesetzten, zumal an den Unikliniken, wo geforscht wird“, begründet Jana Reichardt, eine der Initiatorinnen des Streiks an der Charité, das Schweigen vieler Kollegen – und die jahrelange Zurückhaltung. Niemand wolle alleine dastehen, wenn er Kritik äußere in einem noch sehr stark autoritär geprägten Arbeitsumfeld. 

Die Pflegekräfte äußern sich – nach ebenfalls viel zu langer Zurückhaltung – seit Corona immer öfter und lauter über die Zustände. Wenn sie merken, dass das auch nichts bringt, schmeißen viele den Job hin. Das führt zum mittlerweile allseits bekannten Pflegenotstand. Die Ärzte hingegen haben bisher in der Mehrzahl geschwiegen. Sie stützen das System. Noch.

Doch mit dem Streik an der Charité und Graswurzelbewegungen junger Mediziner und Medizinstudenten wird sich auch dies ändern. Im Netz, wo man im Gegensatz zu den klassischen Medien nicht mit Klarnamen auftreten muss, findet sich schon längst der Protest auch der Mediziner. Unter #Medizinbrennt und auf zahlreichen Accounts mit viele Followern berichten Ärzte von immer mehr Kollegen, die aussteigen, weil sie den Wahnsinn der Überforderung nicht mehr mittragen wollen und sonst selbst krank werden würden. Sie berichten von den verbliebenen Fachkräften, wie sie den Notstand nur notdürftig ausgleichen können. Und was das für Folgen für die Patienten haben kann. Im schlimmsten Falle den Tod. Der mit ein bisschen besserer Ausstattung, auch im personellen Bereich, leicht vermeidbar wäre.

Denn Menschen machen Fehler, aber wenn Mediziner Fehler machen, kann das schnell über Leben und Tod entscheiden. Und unausgeschlafene, gestresste, überforderte Mediziner und Pflegekräfte, die kaum noch Zeit für ihre Patienten haben, machen umso mehr Fehler.

Wie aber gehen Mediziner damit um, wenn durch ihre Überforderung, durch ihre Fehler ein Mensch zu Schaden kommt – entweder durch Tod oder auch durch lebenslange Behinderung wegen ärztlicher Fehlbehandlung oder Unterlassung? Wenn das Problem der Überforderung schon systemisch ist, und davon berichten inzwischen viele Mediziner, wie gehen sie dann mit den Folgen um?

Jana Reichardt sagt, es gebe die Möglichkeit, Fehler in einer internen Konferenz zu besprechen, doch eine echte Fehlerkultur gebe es in der Medizin noch nicht. Auch die gelte es jetzt zu entwickeln. 

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Mediziner werden weder in ihrem Studium noch im Berufsalltag von Vorgesetzten darauf vorbereitet, mit ihren eigenen Fehlern umzugehen. Wenn also etwa ein Mensch unter ihren Händen stirbt, der bei weniger angespannter Personallage oder bei weniger Zeitnot, einem niedrigeren Stresslevel oder einfach anderen Umständen nicht gestorben wäre, dann muss der Arzt damit selber fertigwerden, es gibt keine professionellen Strukturen, die das auffangen. 

Schlimmer noch: Es gibt kaum Studien oder belastbare Zahlen, die diesen Zusammenhang aufdecken. Ganz Deutschland ist ein Studien- und Datenmangelland in Bezug auf den Gesundheitssektor, auch das hat Corona peinlicherweise gezeigt. 

Und es geht noch absurder: Auch für den Patienten, der womöglich durch einen schweren Ärztefehler für den Rest seines Lebens gezeichnet ist, gibt es kaum Hilfe. Geschweige denn für Angehörige von Verstorbenen. Es hängt sogar alleine vom Willen und der Verfassung des jeweils zuständigen Arztes ab, ob und wie er überhaupt mit Angehörigen darüber kommuniziert. Plus – darauf weist auch der Berliner Intensivpfleger Ricardo Lange immer wieder hin: Vielen Angehörigen werde gar nicht gesagt, dass Oma oder Opa, Mutter oder Bruder am Pflegenotstand gestorben sind, weil niemand auf der Station ihren Herzinfarkt oder Schlaganfall bemerkt hat. Sie würden sich stattdessen dem ruhigen Gewissen hingeben, dass ihre Angehörigen eh gestorben wären – auch wenn das explizit nicht stimmt. 

Die streikenden Ärzte an der Charité und die immer lauter werdende Pflege sind sich jedenfalls inzwischen einig: Ein Weiter-so darf es im Gesundheitssektor nicht geben. Da die Politik sich aber vorwiegend für andere Dinge interessiert, wird das Gesundheitssystem wohl zusammenbrechen, wenn nicht sehr bald ein Umdenken einsetzt, das sich wieder mehr am Patientenwohl orientiert als an der Rendite. 

Wie der todsichere Weg dahin aussieht, hat zuletzt der ärztliche Twitterer Intensivdoc am Beispiel einer Intensivstation passend beschrieben: „Es ist eine Verwaltung von Mangelzuständen. Man versucht, Löcher mit Material zu stopfen, was woanders neue Löcher aufreißt. Und darum dreht sich im Wesentlichen der ganze Tag. Wenn zwischendurch Zeit ist, macht man mal ein bisschen Medizin.“