Wir sollten aufhören, von frauenfeindlichen Entscheidungen zu sprechen, wenn wir von Afghanistan reden. Zwar betrifft der jüngste, am Sonnabend bekannt gewordene, Erlass des Taliban-Anführers Hibatullah Achundsada die Lebensumstände des weiblichen Teils der Bevölkerung, wenn er zum Tragen der Burka auffordert. Aber es handelt sich damit praktisch um die Abwertung jedes zweiten Menschen in dem Land: Frauen sollen „gemäß den Scharia-Richtlinien ihr Gesicht mit Ausnahme der Augen bedecken“.

Und auch die Begründung zeigt, dass es gar nicht um Frauen geht. Mit der Verhüllung sollten „Provokationen“ in der Begegnung mit Männern vermieden werden, die keine engen Verwandten sind. Wie dürftig ist es doch um die Konstitution der Männer bestellt, wenn sie der Blick in ein weibliches Gesicht herausfordert. Vielleicht sollte man ihnen schwarze oder getönte Brillen geben, die sie aufsetzen können, wenn sie sich provoziert fühlen.

Untersuchungen zeigen, dass sich die Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern auch nach der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 noch bis tief in die Familienverbände hielt. Aber immerhin war 2018 jede dritte Frau alphabetisiert. Jetzt sind weiterführende Schulen für Mädchen wieder geschlossen. Jetzt müssen Frauen das Gesicht verhüllen. Sie sollten gar, so heißt es, nur für wichtige Angelegenheiten das Haus verlassen.

Das Wort „frauenfeindlich“ veranlasst vielleicht einige, nicht hinzuschauen, mitzulesen, zuzuhören. Sind ja nur Frauenrechte, um die es geht, so etwas wie Frauen- oder Muttertag, mit dem Aufmerksamkeitswert eines Blumenstraußes. Es ist grundsätzlich falsch, wenn eine Bevölkerung zweigeteilt wird in wertvoll und wertlos. Nach dem Abzug der Nato aus Afghanistan dürfen wir die Menschen dort nicht vergessen.