Drei Mann in einem Zug – die stark an einen deutschen Schlagerfilm aus dem Jahr 1961 erinnernden Aufnahmen der politischen Reisegruppe auf dem Weg nach Kiew verraten auch einiges über ein unterschiedliches Temperaturempfinden.

Während Bundeskanzler Olaf Scholz lächelnd im kurzärmligen Poloshirt im Zugabteil sitzt, trägt der französische Präsident Emmanuel Macron ein weißes Hemd, den obersten Knopf als Zeichen demonstrativer Lockerheit geöffnet. Eine ähnliche Kleiderwahl hat auch der italienische Ministerpräsident Mario Draghi getroffen, vorsichtshalber aber noch einen Pullover darübergezogen.

Auf dem Weg in die mit einem Krieg überzogene Ukraine ist man bemüht, Zuversicht auszustrahlen. Gemeinsam unterwegs – aus ganz unterschiedlichen Beweggründen wie einst Walter Giller, Heinz Erhardt und Hans-Joachim Kulenkampff in dem Film „Drei Mann in einem Boot“. Plötzlich kommt zu Bewusstsein, dass die Metapher der Geselligkeit immer auch schon eine Durchhalteformel enthalten hat.

Zur Besetzung öffentlich-rechtlicher Talkshows kann man sich pure Männlichkeit wie im Nachkriegsfilm nicht mehr erlauben. Bei „Maybrit Illner“ waren denn auch die Journalistinnen Katja Gloger und Anne Gellinek dafür zuständig, die bei solchen Begegnungen schnell ins Toxische umschlagenden Wortmeldungen der politischen Schwergewichte, Botschafter Andrij Melnyk, SPD-Mann Ralf Stegner und CDU-Oberst Roderich Kiesewetter, Kompetenz und Taktgefühl entgegenzuhalten.

„Der eiserne Vorhang ist gefallen“

Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn diesmal ging es sehr staatstragend zu. Unisono war man geneigt, den Besuch der europäischen Regierungschefs in Kiew als historisch bedeutenden zu bezeichnen. „Das war ein wichtiger Besuch“, sagte Botschafter Melnyk, von einem „starken Zeichen“, einem „positiven Signal“ sprach Roderich Kiesewetter.

Es ist nicht allzu lange her, dass Letzterer in der ARD-Sendung „Anne Will“ Bundeskanzler Scholz unterstellte, den Sieg der Ukraine nicht zu wollen. Nun aber bescheinigte selbst Melnyk, ein „Gefühl der Dringlichkeit“ vernommen zu haben.

Die ZDF-Europa-Korrespondentin Gellinek brachte das Wort vom Befreiungsschlag ins Spiel, und Katja Gloger legte noch drauf: „Der eiserne Vorhang ist gefallen.“ Generös fügte Botschafter Melnyk hinzu: „Wir geben den Deutschen eine historische Chance“. Angesichts von derart mit historischer Bedeutung aufgeladenen Pathosformeln im halben Dutzend schien sich die lange Reise aus der eigenen Isolation heraus für Olaf Scholz vollauf gelohnt zu haben.

Im weiteren Verlauf des Fernsehabends aber kehrte die eingeübte Skepsis zurück. Das am Tag in Kiew abgegebene Versprechen, Moldau und der Ukraine eine Beitrittsperspektive zur EU zur eröffnen, wurde umgehend relativiert durch den Verweis auf den lähmenden Mechanismus des Bündnisses, in allen Fragen die Einigkeit aller Staaten erzielen zu müssen.

Alsbald befand man sich wieder im Modus des Nachrechnens – zu wenig Waffen, zu spät. Und Roderich Kiesewetter übte sich in feinsinniger Sprachkritik. Scholz habe davon gesprochen, die Ukraine müsse leben, dabei ginge es für sie doch darum, zu überleben.

Klitschko: „Wir verlangen sehr viel“

Wie sich das Überleben anfühlt, konnte man wenig später durch den Auftritt des früheren Boxweltmeisters Wladimir Klitschko erahnen, der aus Kiew zur Sendung zugeschaltet war. In nüchternen Worten, denen der Versuch anzumerken war, der Resignation zu entwischen, schilderte er die Hoffnungen und Erwartungen auf europäische und insbesondere deutsche Unterstützung. „Wir verlangen sehr viel“, sagte Klitschko, sich höflich entschuldigend. „Aber wir werden auch viel zurückgeben.“

Gemeint war damit die Perspektive auf eine gemeinsame europäische Zukunft, und Klitschko pries sogleich den kulturellen Reichtum seines Landes und dessen Vorrat an Bodenschätzen an. Und auf die Frage von Markus Lanz, wie sehr er sich im Verlauf des Krieges verändert habe, sagte Klitschko mit der Geistesgegenwart eines angeschlagenen Boxers: „Nicht ich habe mich verändert, die Welt hat sich verändert.“ Die spürbare Betroffenheit Klitschkos war so gesehen auch ein Beleg für die Notwendigkeit einer zuletzt oft gescholtenen Symbolpolitik.

Die politische Analyse, für die später, als die Schalte zu Klitschko wieder erloschen war, der Militärexperte Christian Mölling zuständig war, fiel weit nüchterner aus. Zwar sei der Krieg für die Ukraine nicht verloren, so Mölling. Unmissverständlich malte er jedoch aus, wie wenig sich die ukrainische Armee gegen die sich langsam im Donbass vorwärtsbewegende Walze der russischen Gewalt werde zur Wehr setzen können.

Putins Krieg, sollte das heißen, geht weiter, wie sehr symbolische Terraingewinne wie jener vom 16. Juni 2022 in der westlichen Gemeinschaft auch zum Wohlbefinden beitragen mögen.