Zum Fremdschämen, peinlich, unfassbar arrogant – die erregten Wortmeldungen der ARD-Talkshow „Anne Will“ waren noch nicht ganz verklungen, da machte sich die erste Empörung in den sozialen Medien wie Twitter und Facebook bereits Luft.

Sie galt allerdings nicht der kurz zuvor ausgestrahlten TV-Ansprache des Bundeskanzlers Olaf Scholz, in der dieser erneut versucht hatte, die Prinzipien seines Handelns gegenüber des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine unter das Volk zu bringen.

Der Zorn traf vielmehr den Sozialpsychologen Harald Welzer, der im Verlauf des Abends den letztlich gescheiterten Versuch unternommen hatte, den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk mit seinen unablässigen Forderungen an die deutsche Politik zur Mäßigung zu bewegen.

Zur Sendung eingeladen war Welzer indes, um seine Unterschrift unter einem offenen Brief zu erklären, in dem eine Reihe von Schriftstellern und Intellektuellen in der Zeitschrift Emma Bundeskanzler Olaf Scholz aufgefordert hatten, die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine zu unterlassen. Der Brief ist zwischenzeitlich weit über 200.000 Mal unterschrieben worden.

Es gehe ihm keineswegs darum, führte Welzer aus, die Ukraine zur Kapitulation aufzufordern, wie vielfach behauptet worden sei. Vielmehr gehe es ihm um die Erreichung eines Waffenstillstands, der zur Grundlage möglicher Verhandlungen werden könne. Fortgesetzte Waffenlieferungen, so seine Befürchtung, würden zu einer Entgrenzung des Krieges mit unermesslichem Eskalationspotenzial führen. Dem widersprach Ruprecht Polenz von der CDU, der einen offenen Brief des Grünen Ralf Fücks mitunterzeichnet hat, in dem für die weitere Lieferung schwerer Waffen plädiert wird.

Anne Will: Fortan war der Ton vergiftet

Für einen kurzen Moment konnte man die Hoffnung hegen, dass die kontroversen Argumentationsfiguren die Chance erhalten, im Sinne einer besseren Abwägung zu reifen. Das jedoch ließ Botschafter Melnyk nicht zu, der Welzer scharfzüngig vorwarf, es sei einfach für ihn, in seinem „Professorenzimmer zu sitzen und zu philosophieren“. Und noch schärfer: „Was sie anbieten, ist moralisch verwahrlost.“

Der Ton war fortan vergiftet, und es war SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, der sein Unbehagen sichtlich verstört artikulierte. Es entsprang nicht zuletzt dem Versuch Welzers, Melnyks scheinbarer kommunikativer Unangreifbarkeit etwas entgegenzusetzen, die er als Botschafter der von Russland in einen brutalen Krieg verwickelten Ukraine zu einem markanten Politikstil entwickelt hat.

Harald Welzers performativer Fehler bestand zweifellos darin, seine sozialpsychologischen Studien einbringen zu wollen, in denen er sich viele Jahre intensiv mit dem Verhalten der Menschen im Nationalsozialismus und der Gewalt der Täter auseinandergesetzt hat. In dieser Konstellation aber wirkte Welzers Intervention wie die Überheblichkeit eines nachgeborenen Deutschen, der nichts von der Opfergeschichte begriffen hat. Dass das gerade auf Welzer nicht zutrifft, konnte dieser im Schlagabtausch mit Melnyk nicht kenntlich machen. Der Botschafter hatte einen Wirkungstreffer gesetzt. Er sei kein Student, den einer wie Welzer belehren könne.

Das Scheitern des Disputs, den die Facebook- und Twitter-Communitys in einhelliger Übereinkunft Welzer anlasteten, hat nicht zuletzt Anne Will zu verantworten, die wohl keinen Einwand dagegen hatte, dass ordentlich Dampf in ihrer Hütte war. Dabei wäre es doch wünschenswert gewesen, die beiden Standpunkte, die das Land immer spürbarer in zwei Meinungslager teilt, im Sinne einer rhetorischen Abrüstung mit besseren Argumenten zu versorgen.