Bob Dylan: Der Schwindel mit der Unterschrift

Der Literaturnobelpreisträger von 2016 hat ein Buch geschrieben. Sein Verlag muss nun einräumen, bei der Handsignierung etwas gemogelt zu haben.

Bob Dylan, fotografiert von Barry Feinstein
Bob Dylan, fotografiert von Barry FeinsteinSony Music

Zum Verhältnis von Authentizität und serieller Kunstproduktion hat der Musiker und Wortkünstler Bob Dylan ganz eigene Vorstellungen. Gemeinsam mit dem Produzenten T Bone Burnett hat er unlängst eine neu aufgenommene Version seines Folk-Klassikers „Blowin’ in the Wind“ über das von Burnett entwickelte Format Iconic Originals eingespielt, ein exklusives Vinyl, das für Burnett den Höhepunkt des aufgezeichneten Klangs darstellt. Das bald 60 Jahre alte Lied erscheint so als Unikat, das im Juli beim Londoner Auktionshaus Christie’s für umgerechnet 1,7 Millionen Euro über den Tresen ging. Geschäftlich lief es zuletzt also gut für Dylan. Im Rahmen der Verkaufsbewegung, in der ältere Künstlerinnen und Künstler ihre Songkataloge für Hunderte Millionen anbieten, war der Literaturnobelpreisträger von 2016 in vorderster Reihe mit von der Partie.

Nun ist die Sache mit der künstlerischen Authentizität aber etwas aus dem Ruder gelaufen. Bob Dylans amerikanischer Verlag Simon & Schuster, der unlängst Dylans Buch „Die Philosophie des modernen Songs“ (auf Deutsch bei C. H. Beck) – ein wilder Ritt durch die Geschichte des populären Liedguts des 20. Jahrhunderts – herausgebracht hatte, musste einräumen, dass die vermeintlich handsignierten Exemplare von einer Maschine gezeichnet wurden. Der Verlag gab sich reuig und erklärte sich bereit, die rund 600 Dollar zurückzuerstatten, die er für die limitierte Signatur aufgerufen hatte.

Dass dies die Peinlichkeit des Vorgangs nicht zu beheben vermag, ist dem 81-jährigen Bob Dylan wohl selbst nicht verborgen geblieben. Am vergangenen Wochenende bat er seine Fans und Follower um Nachsicht. In einer bewegenden Mitteilung entschuldigte er sich mit dem Verweis auf schlimme Schwindelanfälle, die durch die Pandemie nicht besser geworden seien. Bob Dylan – ein Leidtragender von Long Covid?

Zweierlei Schwindel

Fans und Follower – und nur solche dürften Täuschungsopfer der nicht authentischen Signatur geworden sein – werten dieses Statement weniger als Eingeständnis einer Schuld, sondern als nachträglichen Hinweis auf die körperliche Hinfälligkeit, in der Bob Dylan sich im Oktober bei Konzerten in ganz Europa präsentierte. Hinter seinem Piano war der Meister mitreißend gegenwärtig wie eh und je. Wenn er jedoch gelegentlich in Trippelschritten in die Bühnenmitte trat, erschrak das ihm ergebene Publikum ob einer kaum mehr zu übersehenden Gebrechlichkeit. Mit dem Schwindel leben – Bob Dylan hat die Mehrdeutigkeit des Wortes neu ausgelotet.