Anleitung für ein ökologisches Bewusstsein: Ein Manifest für die „Letzte Generation“

Bruno Latour und Nikolaj Schultz rufen zum ökologischen Klassenkampf auf – und wollen doch nur die Bewohnbarkeit der Welt bewahren.

Lina Schinköthe ist Klimaaktivistin der Organisation „Letzte Generation“.
Lina Schinköthe ist Klimaaktivistin der Organisation „Letzte Generation“.dpa

Jede soziale Bewegung tritt – erst recht wenn sie im revolutionären Gestus daherkommt – im Anspruch einer eigenen Wahrheit auf, die oft auch das Gewand einer neuen Ästhetik trägt. Im Fall der Ökologistas der „Letzten Generation“ könnte man von einer ins Bild gesetzten jungen Verletzlichkeit sprechen, zu der bevorzugt Aktivistinnen mit flüssigen Substanzen hantieren, die beim adressierten Publikum schnell Ekel hervorrufen. Öl und Kartoffelbrei auf Gemälde, Sekundenkleber an den Fingern.

Die Protestaktionen der „Letzten Generation“ vermochten womöglich eine derart große Wirkung erzielen, weil sie auf die eine oder andere Art starke Empfindungen auslösten: die Empörung der Kunstfreunde sowie den Zorn aller, deren Wege von hier nach da behindert wurden.

Beschädigt wurde die überaus erfolgreiche Strategie, Aufmerksamkeit zu erregen, allerdings durch die larmoyante Art, Vorwürfe zurückzuweisen. Nachdem durch eine der Aktionen der „Letzten Generation“ in Berlin mutmaßlich einem Unfallopfer aufgrund einer Störaktion nicht rechtzeitig Hilfe zuteilwerden konnte, wiesen ihre Sprecher jegliche Verantwortung beleidigt zurück und witterten sogleich eine Medienkampagne. Man habe gewusst, dass man sich Feinde machen werde, aber: „dass ein ganzes Mediensystem sich gegen uns wenden würde, damit haben wir nicht gerechnet“. Allzeit bereit, die Systemfrage zu stellen, beklagen die Akteure der „Letzten Generation“ ein übermächtiges System, dass sich gegen sie verschworen habe. Ach.

Die Unterscheidungen von Menschen, Natur und Dingen gelten nicht mehr

Ohne nun paternalistische Ratschläge erteilen zu wollen, hülfe vielleicht die Lektüre des eben auf Deutsch erschienen Bandes von Bruno Latour und Nikolaj Schultz weiter, der zurückhaltend-akademisch „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“ betitelt ist, aber ganz in der Tonlage eines feurigen Manifestes daherkommt, das die ökologische Wende, die nach Ansicht der Autoren längst in Gang gesetzt ist, beschleunigen will. Hey, „Letzte Generation“, das hier ist für euch!

Für den kürzlich im Alter von 75 Jahren gestorbenen französischen Philosophen Bruno Latour ist die kleine Schrift der thesenartige Schlusspunkt des Projektes einer politischen Ökologie, die sich über viele Jahre und Werke erstreckt hat, darunter in „Das Parlament der Dinge“ oder auch in dem Essay „Das terrestrische Manifest“.  Bruno Latour lässt die einfache Unterscheidung von Mensch, Natur und den Dingen nicht länger gelten. Vielmehr sei alles miteinander verwoben, vermutlich sogar weit über die bloße Metapher jenes Handwerks hinaus, das etwa Spinnen verrichten. Was wir uns angewöhnt haben, Umwelt zu nennen, ergibt für Latour keinen Sinn, da sich keine Grenze ziehen lasse zwischen einem Organismus und dem, was ihn umgibt. „Eigentlich umgibt uns nichts, alles wirkt darauf hin, dass wir atmen“, schrieb er in seinem letzten Buch „Wo bin ich?“, in dem er die Lockdowns während der Corona-Pandemie zum Anlass nahm, über eine Gesellschaft nachzudenken, die sich gezwungen sah, sich zu den neuen Gegebenheiten der Natur zu verhalten. Die Pandemie stellte aus Latours Perspektive keinen zu beklagenden Schicksalsschlag für die Gattung dar. Vielmehr brachte sie eine Art Anpassungsschub mit sich hinsichtlich eines neuen Verständnisses von Natur, Umwelt und Leben.

Zusammen mit dem dänischen Soziologen Nikolaj Schultz gibt Latour nun letzte Denk- und Handlungsanleitungen für die Bildung eines ökologischen Bewusstseins, aus dem eine ökologische Klasse analog zur Begriffsbildung sozialer Klassenkämpfe hervorgehen möge. Das klingt kämpferisch und ist durchaus auch so gemeint. Von Klasse zu sprechen, schreiben Schultz und Latour, heiße immer, eine Schlachtordnung einzunehmen. Der Aufbruch, den sie proklamieren, ist allerdings ein reflexiver. „Die entscheidende Wende besteht darin, der Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeitsbedingungen des Planeten Priorität einzuräumen und nicht der Entwicklung der Produktion.“ Standen die Klassenkämpfe des 19. Jahrhunderts im Zeichen der Produktion, so gehe es nun keineswegs allein um weniger Wachstum, sondern darum, endlich zu prosperieren. „Produzieren heißt zusammenstellen und kombinieren, nicht erzeugen, will heißen: mit Sorgfalt den Fortbestand der Wesen entstehen lassen, von denen die Bewohnbarkeit der Welt abhängt.“

Das Etikett der „strafenden Ökologie“

Die Kämpfe um ein ökologisches Bewusstsein, so die Autoren, haben längst begonnen, im Sinne des Soziologen Nobert Elias müsse es nun darum gehen, den Prozess der Zivilisation wieder aufzunehmen, „den die anderen Klassen aufgegeben oder verraten haben“.

Im Verlauf der zehn Kapitel, die Latour und Schultz zur Bildung einer ökologischen Klasse aufgegeben haben, fragen sie auch nach den Widersprüchen, die die Bewegung bislang ins Stocken gebracht haben. Ein Problem, so diagnostizieren sie, bestehe zweifellos darin, dass man der ökologischen Klasse nicht zutraue, die Massen nach vorn zu bringen, weil sie doch erklärtermaßen den Fortschritt in Zweifel ziehen. Sie werde, so vermuten sie, sich gegen das Etikett einer „strafenden Ökologie“ nie wehren können. Einen Ausweg sehen sie in der Gewinnung eines neuen Bewusstseins von Anpassung. „Sich zu emanzipieren gewinnt eine andere Bedeutung, wenn es darum geht, sich daran zu gewöhnen, dass man schließlich und endlich von dem abhängt, das uns leben lässt!“

Selbst wenn man dem revolutionären Duktus, in dem das Büchlein geschrieben ist, gegenüber skeptisch ist, erweist es sich doch als Steinbruch bedenkenswerter Ideen und Merksätze. Als konservative Intellektuelle, die das Bewahren der natürlichen Ressourcen zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen gemacht haben, sprechen sie zwar fortwährend von Wandel und Erneuerung, aber nie von einer rabiaten Beseitigung alles Vorhandenen. Selbst das Prinzip des Staates kann von der ökologischen Klasse noch gebraucht werden. „Da die Rolle des Staates, die die ökologische Klasse umzusetzen sucht, eine andere ist, muss auch die Definition des Monopols, das er repräsentiert, wie auch die Aufteilung zwischen ,Außenpolitik‘ und ,nationaler Politik‘ eine andere sein.“

Geradezu enthusiastisch schauen sie auf einen zuletzt arg geschmähten politischen Verbund, dem sie eine ganz neue Rolle zutrauen. „Glücklicherweise gibt es Europa. In diesem weiträumigen ,Dings‘ steckt, trotz aller Mängel seiner Bürokratie, wenn kein Quell von Hoffnung, so doch ein Experiment im Hinblick auf alle neuen geopolitischen Konflikte, in die die ökologische Klasse verstrickt ist.“ In seinem seltsamen Zustand des Nicht-mehr und eines Noch-nicht hat Europa eine Art Erfahrungswissen angehäuft, das noch gebraucht wird. Zumindest scheint man in Europa bereits gelernt zu haben, dass es nichts mehr gibt, das eine rein auswärtige Angelegenheit wäre, und nichts, das ausschließlich von nationalem Belang ist. Im besten Sinne Niklas Luhmanns erfreuen sich Latour und Schultz hier der Variante einer Weltinnenpolitik, auf die es ankommt. Als zaudernde Macht hat sich Europa trotz aller berechtigten Einwände doch bereits ein gehöriges Stück von der Staatsidee alten Schlages entfernt. Und im Sinne der Repair-Cafés folgen Schultz und Latour dem Slogan: Bloß nicht wegwerfen.

Das ökologische Manifest, das vielleicht als handliches Extrakt des anspruchsvollen Werks von Bruno Latour auch während einer S-Bahn-Fahrt aus der Tasche gezogen werden kann, vergisst an keiner Stelle das Bedürfnis nach literarischer Erbauung. „Nichts wird uns retten“, zwinkern sie Hölderlin zu, „und ganz bestimmt nicht die Gefahr. Der Erfolg wird einzig von unserer Fähigkeit abhängen, die zufällig sich einstellenden Gelegenheiten beim Schopfe zu packen.“

Bruno Latour und Nikolaj Schultz: „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum.“ Aus dem Französischen von Bernhard Schwibs. Edition Suhrkamp, 94 Seiten, 14,40 Euro.