Wie die Medien ihre eigenen Überzeugungen verraten

Richard David Precht und Harald Welzer versuchen in ihrem Buch „Die vierte Gewalt“, dem Journalismus die Leviten zu lesen.

Hauptstadtpresse bei der Arbeit
Hauptstadtpresse bei der Arbeitimago

Es zeugt von gesundem Selbstbewusstsein sowie einem ausgeprägten Sinn für Inszenierung, wenn der Sozialpsychologe Harald Welzer und der Philosoph Richard David Precht am Ende ihres Essays „Die vierte Gewalt“ auf einen inhärenten Widerspruch ihrer ungewöhnlichen Zusammenarbeit verweisen: „Zwei in den Medien präsente Autoren schreiben ein medienkritisches Buch.“ Handelt es sich also um ein durch Zorn hervorgerufenes Stück Selbsttherapie?

Wenn es nur gekränkte Eitelkeit wäre, die beide nach unterschiedlichen Shit- und Debattenstürmen zu einem gemeinsamen Nachdenken über die akute Verfasstheit des Journalismus veranlasst hätte, ließe sich ihr Buch schnell als nachträgliche Jammerprosa erledigen. Zwei mit allen Wassern gewaschene Medienprofis hatten zuletzt erleben müssen, dass auch sie nicht ungeschoren aus den Arenen hervorgehen, in denen öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen ist, persönliche Integrität aber auch verloren gehen kann.

Zwei der umstrittensten zeitgenössischen Autoren, Richard David Precht und Harald Welzer, widmen sich in ihrem Buch „Die vierte Gewalt“ den Medien und deren vermeintlicher Macht.
Zwei der umstrittensten zeitgenössischen Autoren, Richard David Precht und Harald Welzer, widmen sich in ihrem Buch „Die vierte Gewalt“ den Medien und deren vermeintlicher Macht.dpa/Henning Kaiser

Harald Welzer hat unlängst ein Fiasko erlebt, weil er versuchte, dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk die Stirn zu bieten, und dabei doch nur als deutscher Professor im Gestus herablassender Überheblichkeit wahrgenommen wurde. Zum Austausch von Argumenten war es gar nicht erst gekommen, und auch in der publizistischen Nachbearbeitung beließen es die meisten Autoren dabei, Melnyk als Repräsentanten eines angegriffenen Volkes eine höhere Moral des Augenblicks zuzugestehen, während Welzer sich in die Rolle des dünkelhaften Deutschen gedrängt sah.

Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird

Mit einem Hauch von Interesse für Welzers sozialpsychologische Studien, nicht zuletzt über ukrainische Kriegsgeschichte, wäre ein anderer Debattenverlauf möglich gewesen. So aber verfestigte sich das Bild eines arroganten Schnösels, der belehren und nicht lernen will. Richard David Precht wiederum sah sich als Unterzeichner eines offenen Briefes, in dem zahlreiche deutsche Intellektuelle die Waffenlieferungen an die Ukraine infrage stellten, mit dem Vorwurf konfrontiert, sich fahrlässig und naiv über die Nöte der geschundenen ukrainischen Bevölkerung zu erheben.

Aber lässt sich aus den verheerenden Debattenverläufen, in denen wüste Beschimpfungen und elaborierte Mutmaßungen über geistige Verwahrlosung einander abwechselten, der Schluss ziehen, dass in der medialen Öffentlichkeit ganz allgemein nur mehr einheitliche Meinungen zirkulieren, deren Sprecher bevorzugt darauf aus sind, sich selbst zu bestätigen, und keinen Widerspruch dulden? Der Untertitel des Essays „Die vierte Gewalt“ legt das Motiv einer Abrechnung durchaus nahe: „Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“. Die Zeile transportiert den zuspitzenden Ton eines Jargons, den Welzer und Precht weiter hinten im Text ausdrücklich kritisieren.

Tatsächlich aber geht ihr schnell geschriebenes Werk aus einem Anliegen der Sorge hervor. Angesichts der Debatten über den Ukraine-Krieg konstatieren sie eine publizistische Zeitenwende, mit der sie den Qualitätsjournalismus in Aktivismus abdriften sehen, der sich politisch geriert, sich ihrer Ansicht nach aber in erschreckendem Maße entpolitisiert. „Nicht nur schießen politische Journalisten hier weit über ihre Aufgabe und Legitimation hinaus, sie unterspülen damit auch (...) das Vertrauen in die Leitmedien. Ungezügelter Aktivismus durch die amtierenden Massenmedien ist nicht nur Treibmittel für ihren eigenen mittelfristigen Untergang; er ist es auch für die Erosion einer funktionierenden Öffentlichkeit in Deutschland.“ Mit der Warnung, dass die Demokratie als Ganzes bedroht sei, immunisieren sich die Autoren zugleich gegen den Vorwurf, sich mit einem affektiven Lügenpresse-Jargon von rechts gemeinzumachen.

Harald Welzer und Richard David Precht haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die Grundlagen der bundesrepublikanischen Medienlandschaft basieren mehr oder minder auf einer von Jürgen Habermas als Idealfall beschriebenen bürgerlichen Öffentlichkeit, die im Vertrauen auf die Durchsetzung des besseren Arguments auf einen freien Austausch vernünftiger Positionen angewiesen ist. Dieses Ideal werde zunehmend von Medienakteuren gefährdet, die ihre Rolle als kritische Beobachter zugunsten unmittelbarer Eingriffe in politische Entscheidungen aufgegeben haben. Als Beispiel dient ihnen eine Beschreibung des stellvertretenden Chefredakteurs der Welt, Robin Alexander, der von einem Parteitag der CDU berichtet hatte und dort via Twitter ganz unmittelbar zum Verteiler von Stimmungen und Haltungen geworden war. Alexander, weit davon entfernt, das eigene Agieren kritisch zu reflektieren, dient hier als Indiz für einen weit fortgeschrittenen Zerfall des journalistischen Ethos.

Wenn aus Journalismus Aktivismus wird

In ihrer Analyse tragen die beiden Autoren Aspekte zu einer dichten Beschreibung jener Wechselwirkungen zusammen, die Mediennutzung und -produktion im Zeitalter sogenannter Direktmedien vor neue Herausforderungen stellen, und sie konstatieren einen möglichen Totalschaden, wenn sie im Ton politischer Leitartikler fragen: „Wer kontrolliert die Vierte Gewalt, wenn ihre Selbstkontrolle versagt?“ Dass es die vierte Gewalt in Form eines Verfassungsrangs nicht gibt, sondern die Begriffsbildung als ironisch-metaphorische Ergänzung zur Exekutive, Legislative und Judikative erfolgt ist, sind Welzer und Precht ebenso bereit zu vernachlässigen wie die Unterscheidung von Binnen- und Außenpluralismus, die für das Verhältnis von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privatwirtschaftlich organisiertem Printjournalismus konstitutiv ist.

Trotz vieler erhellender Eindrücke besteht das Manko des Buches darin, dass Welzer und Precht sich nicht zu entscheiden vermögen zwischen soziologischer Beschreibung medialer Öffentlichkeiten und ihrer Lust an polemischer Intervention. So zitieren sie einen scharfsichtigen Aufsatz des 2014 gestorbenen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher herbei, um diesen gegen dessen Nachfolger Jürgen Kaube ins Feld zu führen. Tatsächlich aber hätte man an der herausragenden Bedeutung Schirrmachers das gefährliche Spiel auf der Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus in den Leitmedien explizit festmachen können. Als frühes Beispiel für einen politischen Dezisionismus nennen die Autoren denn auch jene unrühmliche mediale Jagd auf Bundespräsident Christian Wulf, die schließlich zu dessen Rücktritt führte. Dass gerade Schirrmacher dabei an federführender Stelle agierte, lassen Welzer und Precht leider außen vor, um ihn als Lichtgestalt, die heute leider fehlt, hervorheben zu können.

Überzeugend wiederum führen Welzer und Precht aus, wie sehr der ökomische Druck, der auf der Branche lastet, auch das journalistische Selbstverständnis beeinträchtigt. Hinzu kommen selbstreferenzielle Bequemlichkeiten. Selektive Blindheit, schreiben sie, sei in offenen Gesellschaften weitaus geringer als in autoritären. „In diesem Licht erscheint das sich selbst verstärkende Gefüge der von den Leitmedien erzeugten Realität als ein Problem. Viele Journalisten leben dadurch mehr und mehr in ihrer eigenen Welt. Denn das, was der von ihnen konstruierten Realität als Korrektiv dient, ist vornehmlich die Realität ihrer Kollegen.“

Methoden der Wahrheitsfindung

Daran ist vieles richtig, und die Sorge, in der eigenen Blase gefangen zu bleiben, schwebt über beinahe jeder noch so müden Morgenkonferenz in den Redaktionen. Mit einigem sozialpsychologischen Aufwand sind Welzer und Precht darum bemüht, den journalistischen Leitmedien einen Konformitätszwang nachzuweisen, der zu gleichförmigen Narrativen führt, die man fälschlicherweise als gesellschaftlichen Konsens ausgibt. Eine Handvoll Meinungsführer, so die nur an einigen Stellen mit Empirie unterfütterte Behauptung, beobachtet sich gegenseitig und bestärkt sich in ihren Positionen. Nicht nur die Haltungen seien konform, in Mitleidenschaft gezogen seien auch die Methoden der Wahrheitsfindung, für die in ökonomisch kriselnden Betrieben immer weniger Mittel aufgewendet werden.

Aus journalistischer Binnenperspektive ist man geneigt, den Autoren in vielem zu widersprechen und in manchem zuzustimmen. Tatsächlich aber stellt sich die Frage, ob das, was sie am wankenden System des Qualitätsjournalismus bemängeln, nicht hinsichtlich der gesellschaftlichen Kommunikation insgesamt untersucht werden müsste. Eine von Angstlust angetriebene Bereitschaft zur Polarisierung sowie ein von rechthaberischen Partikularismen befeuerter Argwohn gegenüber öffentlichem und veröffentlichtem Sprechen deuten auf einen gesellschaftlichen Wandel hin, der sich immer weiter vom Ideal einer deliberativen Demokratie entfernt, die auf den Prinzipien des Beratschlagens und Aushandelns basiert.

Richard David Precht und Harald Welzer: Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist, Fischer Verlag, 288 Seiten, 22 Euro