Wie weit sich die Staatsspitze vom echten Leben entfernt hat, lässt sich gerade mal wieder in der öffentlichen Debatte besichtigen. Ungeachtet der Tatsache, dass freiwillige Arbeit in Kindergärten und anderen sozialen Einrichtungen, fürs Klima oder auch in der Flüchtlingsarbeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach dem Schulabschluss total beliebt ist, schert nun auch noch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in die Debatte über ein Pflichtjahr für alle ein.

Das ist allerdings absolut kontraproduktiv. Schließlich reicht es bereits, all diese uneigennützigen Tätigkeiten mit dem kleinen Wort Pflicht zu belegen, um sämtliche Motivation im Keim zu ersticken. So gewinnt man junge Leute sicherlich nicht fürs Gemeinwohl.

Und man fragt sich auch, warum. Was ist genau der Hintergrund dieses Gedankens? Geht es darum, angeblich verwöhnten Hätschelkindern mal das richtige Leben zu zeigen und ihnen soziales Engagement aufzuerlegen – also positiv formuliert Weiterbildung und Gemeinwohlorientierung? Geht es um Disziplinierung wie früher mal bei den Jungs in der Bundeswehr? Will man die Armee wieder stärker in der Gesellschaft verankern oder ihr neue Kräfte zuführen? Soll der Pflegenotstand jetzt mit Hilfskräften gegen Taschengeld entschärft werden?

Die Debatte an sich ist nicht neu. Schon im Sommer 2018 hatte die damalige Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ein soziales Pflichtjahr vorgeschlagen. Junge Menschen sollten unabhängig vom Geschlecht nach der Schule ein Jahr lang gemeinnützig arbeiten und sich so in die Gesellschaft einbringen, so die Vorstellung der Ministerin. Die Tätigkeit sollte im sozialen, ökologischen oder kulturellen Bereich, aber auch in der Bundeswehr denkbar sein.

Am Ende blieb es bei der Freiwilligkeit – auch weil die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht erst mal gegen Grundfreiheiten verstößt und rechtlich nicht ganz so einfach zu begründen ist. Die Bundeswehr gründete mit ihrem Projekt „Dein Jahr für Deutschland“ einen eigenen freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz. Mit nur mäßigem Erfolg, allerdings.

Beliebtes Freiwilligenjahr

Ganz anders die zahlreichen freiwilligen sozialen Dienste. Etwa 100.000 junge Menschen entscheiden sich jedes Jahr für ein solches Engagement, immerhin fast jeder siebte Schulabgänger nimmt eine solche Stelle an. Ganz ohne Pflicht, zur Orientierung, aus altruistischen Motiven, um mal was anderes zu sehen, sich auszuprobieren, was zurückzugeben an die Gesellschaft. Freiwillige Engagements ohne offiziellen Rahmen bei Klima- oder Flüchtlingsprojekten sind da noch nicht mitgezählt. Wollte man diese Quote steigern, könnte man die Freiwilligen ja auch einfach mal ordentlich bezahlen.

Steinmeier sagt, ihm gehe es um gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine Stärkung der Demokratie. In einer Zeit, in der das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen abnehme, könne eine soziale Pflichtzeit besonders wertvoll sein, sagte Steinmeier. Raus aus der eigenen Blase und Vorurteile abbauen.

Dass in diesem Feld allerdings gerade die Jugendlichen ein Problem sind, sollte man doch stark bezweifeln. Eine Generation, die von frühester Kindheit zur Vernunft und zum Miteinander erzogen wurde, die sich in der Schule freiwillig als Streitschlichter engagiert und in der Corona-Pandemie impfen lässt und zu Hause bleibt, um uns Ältere und ihre Großeltern zu schützen?

Diese jungen Leute sind deutlich vernünftiger als wir Älteren es jemals gewesen sind. Ein Pflichtjahr, um die Demokratie und den Gemeinsinn zu stärken, bräuchten doch eher wir anderen: Vielleicht sollte man ein Pflichtjahr für 40- bis 50-Jährige einführen. Die haben es nötiger.