N-Wort: Das seltsame Verschwinden eines Patti-Smith-Songs

Auf einigen Streamingportalen ist ein Titel von Patti Smith nicht mehr zu finden. Was hat es mit dem Stück auf sich?

Patti Smith bei einem Konzert in Rom, 2021.
Patti Smith bei einem Konzert in Rom, 2021.Imago images

Die Musikerin und Künstlerin Patti Smith (75) ist inzwischen in Würde ergraut, aber die energetische Kraft der einstigen Punk-Ikone ist immer noch zu spüren, auch wenn sie längst in pop-poetischen Gewändern reüssiert und die Rebellion der frühen Jahre in ein beachtliches Gesamtkunstwerk überführt hat.

Ein ungeschliffenes Exemplar ihres Schaffens ist nun aus den handelsüblichen Streamingdiensten verschwunden, wobei unklar ist, ob Algorithmen Zensur betrieben haben oder gar die Autorin selbst. Patti Smith hat sich bislang nicht dazu geäußert, dass Spotify, Amazon und Co. ihren Song „Rock N Roll Nigger“ vom 1978er-Album „Easter“ nicht mehr ausspielen.

In dem berühmten Konzert der Sendung „Rockpalast“ aus dem Jahr 1979 singt Patti Smith in kantigem Punk-Sound ihr umstrittenes Stück ganz zum Schluss. Die als Spoken-Word-Künstlerin bekannt gewordene Performerin sagt nach der Intonation der US-Nationalhymne, sie sei eine amerikanische Künstlerin und sie habe keine Wahrheit außer der, die das Publikum in sich selbst finde.

In aufklärerischer Mission

Pathos und Präsenz, es war ein herausfordernder Auftritt, der zugleich im Gestus eingeübter Rock-Provokationen daherkam. In die Kritik geraten war das Stück wegen der Verwendung des N-Wortes, das Patti Smith sehr bewusst einsetzte und als Adaption des Stigmas verstanden wissen wollte. Es war gewissermaßen die Übertragung des Wortes auf andere Außenseitergruppen. Selbststigmatisierung und Wiederaneignung als Ausdruck einer aufklärerischen Mission.

Die legendäre Passage des Songs, in der Jimi Hendrix, Jackson Pollock, aber auch Grandma mit dem N-Wort traktiert werden, deutete Patti Smith während des Konzerts in der Essener Gruga-Halle bloß an; anstelle der Präsentation des vollständigen Textes stellte sie ihre Bandkollegen vor. Das Spaltpotenzial des Sprechgesangs schien bereits 1979 durch häufige Wiederholung verbraucht, die Botschaft des Rock ’n’ Roll war immer noch der Rock ’n’ Roll selbst.

Patti Smith hat ihr Stück später verteidigt, sie sei mit Afroamerikanern aufgewachsen und wisse, wovon sie singe, hat sie wiederholt kundgetan. Patti Smith, die im Centre Pompidou in Paris als Installationskünstlerin gerade den psychedelischen Trips französischer Dichter nachspürt, ist längst weit über ihre lyrischen Zuspitzungen hinaus. Zu den Fragen nach politischer und moralischer Wirkung ihres Tuns und Lassens gesellt sich nun auch noch die nach dem Eigenleben künstlicher Intelligenz. „Outside of society, that’s where I want to be“, singt sie in dem bewussten Song.