Das Unbehagen mit dem Erbe Preußens: Ein Etikettenwechsel reicht nicht

Kulturstaatsministerin Claudia Roth liebäugelt mit einer Namensänderung der größten deutschen Kultureinrichtung. Eine neue Museumskultur wäre wichtiger.

Frostige Zeiten für Kulturpolitik. Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf der Terrasse ihres Büros im Kanzleramt.
Frostige Zeiten für Kulturpolitik. Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf der Terrasse ihres Büros im Kanzleramt.dpa/Michael Kappeler

Bald nachdem der britisch-australische Historiker Christoph Clark 2007 seine umfangreiche Studie „Preußen – Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947“ veröffentlicht hatte, feierte ihn die Kritik nicht nur wegen seiner glänzend geschriebenen Gesamtdarstellung, in der 400 Jahre preußischer Geschichte wie in einem kurzweiligen Gesellschaftsroman aufgeblättert wurden. Wie kaum jemandem zuvor war Clark das Kunststück gelungen, den Blick zu weiten.

Preußen erschien fortan nicht mehr ausschließlich als überambitionierte Kriegsmacht, die auf Willensstärke pochte, letztlich aber in den NS-Staat führte. Mit einem besonderen Gespür für Einzelheiten und Nebensächlichkeiten beschreibt Clark, wie aus der Hohenzollern-Dynastie ein moderner Staat hervorgehen konnte, in dem Religion, Diplomatie, Wissenschaft, Bürgertum und Militär ihre jeweils eigenen Kraftfelder entfalteten.

Eine überfällige Entdämonisierung

Sicher, es gab Skeptiker, die sich an Clarks Leichtigkeit rieben und unbotmäßige Verklärung witterten. Den beachtlichen Publikumserfolg des Buches schrieben sie einem psychologischen Effekt zu, dem zufolge die Deutschen auf gefällige Weise von ihrer historischen Schuld entlastet werden. Wer Clarks geschichtswissenschaftlichem Wurf etwas aufgeschlossener gegenüberstand, sprach von einer überfälligen Entdämonisierung.

Das Unbehagen aber blieb. Wie sonst hätte Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf die Idee kommen können, die durch ein Gutachten des Wissenschaftsrats anempfohlene Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SKP) zuallererst in der Umbenennung derselben zu suchen. Als Roth und SPK-Chef Hermann Parzinger in der vergangenen Woche die Eckpunkte eines überaus unausgegoren daherkommenden Renovierungsvorschlags dieses deutschen Kulturerbe-Konglomerats vorstellten, deutete Roth ihren Kummer bezüglich des Namens nur kurz an. Es sei in Bayern oder anderswo kaum mehr verständlich, warum eine deutsche Kulturstiftung so heiße. Nach einem Jahr Roth’scher Amtsführung, das von symbolpolitischer Aktionsfreude geprägt war, darf man vermuten, dass das Gebilde, in dem imposante Reste des preußischen Staates seit 1957 verwahrt werden, weit schneller als eine wiederbelebende Organisationsstruktur einen flotten Rufnamen erhalten könnte.

Ganz von der Hand zu weisen ist Roths Etikettierungsproblem nicht. Allerdings weniger wegen der Vermittlungshemmnisse gegenüber Menschen in Bayern und anderen Bundesländern, die für vergleichsweise geringe Zuschüsse große Mitgestaltungsrechte an der Stiftung beanspruchen, zu der neben Museen und Sammlungen auch die Staatsbibliothek und wichtige Forschungseinrichtungen gehören. Nach jüngeren Lesarten, die aus den Kontexten postkolonialer Theoriebildung hervorgegangen sind, ist nicht nur das Preußische verdächtig, sondern die Verwaltung des kulturellen Erbes als Besitz. Das Museum als Trophäensammlung ist passé, aber ein Bewusstsein dafür, dass ethnografische Artefakte zuallererst deplatzierte Objekte sind und einer neuen Präsentationsform bedürfen, ist allenfalls schwach ausgeprägt.

Den Begriff Weltkulturerbe ernst nehmen

Der kulturpolitische Nachholbedarf ist riesig, und man sollte es nicht bei gelegentlichen Rückgaben von Objekten belassen, weil diese nachweislich als Raubgut eingestuft werden konnten. Das kooperative Ausstellungswesen der Zukunft müsste eines sein, das den Begriff des Weltkulturerbes ernst nimmt, Provenienzforschung als Kernaufgabe ansieht und Selbstaufklärung im großen Stil betreibt. Anstatt in dem Widerspruch einer Bildungseinrichtung nationaler Identitätsbildung in postnationaler Konstellation verhaftet zu bleiben, müsste es eine Institution des permanenten Austauschs sein, in der die Kategorien des Eigenen und des Fremden zumindest versuchsweise neu befragt werden.

In kühnen, nicht gleich von kulturpolitischer Wirklichkeit getrübten Träumen mochte man sich das Humboldt-Forum als solch eine Einrichtung vorstellen. Nach allem, was das Eckpunktepapier zur Reform der SPK erahnen lässt, wird es ein Anhängsel verschiedener Einflüsse an prominentem Ort bleiben, Cancel-Geläut hin oder her.

Wie der Name Preußens ist auch der des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt inzwischen unter Druck geraten. Die europäische Aufklärung insgesamt steht im Verdacht, im Namen der Freiheit nur neue Herrschaft etabliert zu haben. Vorhang auf für einen fundierten philosophischen und historiografischen Streit. Anstatt aber Preußen und seinen Anteil an der Geschichte der Aufklärung leichtfertig preiszugeben, sollte man sich jener preußischen Tugend besinnen, die darin bestand, Krisen und Konflikte als Aufbruch und Neuanfang auszugeben.