Das will niemand hören: Die Pflege bekämpft sich selbst!

Zusätzlich zu den ohnehin enormen Belastungen Personalnot, Unterfinanzierung und Pandemie bekriegen sich Pflegende in Kliniken und Heimen. Das muss aufhören. 

In der Pflege ist die Mobbingrate besonders hoch, viele Beschäftigte fliehen den Beruf, der ihnen anfangs Berufung war. 
In der Pflege ist die Mobbingrate besonders hoch, viele Beschäftigte fliehen den Beruf, der ihnen anfangs Berufung war. www.imago-images.de

Ich hatte zuletzt ein absurdes Erlebnis auf Twitter: Weil ein sich selbst als Notfallarzt bezeichnender Twitterer sich darüber beschwerte, dass die Presse sich nicht für den Pflegenotstand interessiere, der immer schlimmer werde, bat ich ihn um ein Interview. Mit dem Hinweis darauf, dass wir als Presse sehr wohl und oft über den Pflegenotstand berichten, sich aber nur die wenigsten Akteure in Medizin und Pflege offen und mit Klarnamen äußern möchten. 

Ich hätte es besser wissen müssen, schließlich bin ich aus genau diesem Grund sonst ausschließlich lesend bei Twitter unterwegs und nicht schreibend: Es folgte sofort ein Shitstorm. Zwar nur ein kleiner, er bestand aus anderthalb Personen, dafür waren diese äußerst hartnäckig und belehrten mich über 48 Stunden fortlaufend. Stein des Anstoßes war, dass ich offengelegt hatte, dass ich selbst zehn Jahre lang meine Mutter zu Hause gepflegt habe, nach einem schweren Schlaganfall. Ich wollte damit deutlich machen, dass man mit mir nicht bei Adam und Eva anfangen muss, wenn man sich über die Pflege unterhält, denn ich habe zig Heime und Kliniken und eben auch die Pflege zu Hause ausreichend kennengelernt und weiß um die Probleme, zumal ich außerdem ein Buch darüber schrieb. Es nützte alles nichts, ich wurde endlos gescholten. Warum? Weil ich angeblich die professionelle Pflege beleidigen wollte. Weil ich sie mit meiner laienhaften Vorstellung davon gleichsetze. 

Dass ich das nie getan habe und auch nicht vorhatte, war komplett egal. Es ging darum, mich runterzumachen. Weil ich es gewagt hatte, ein Narrativ infrage zu stellen (die Presse berichtet nicht über den Pflegenotstand). Und weil ich offenbar gerade als Blitzableiter zur Verfügung stand und die einhellige Meinung darüber störte, dass die Probleme nur außerhalb der Pflege zu finden seien. Es brauchte überaus deutliche Worte meinerseits, um die stundenlangen Angriffe abzuwehren. Als ich einem Freund davon erzählte, fragte er: Warum hast du überhaupt geantwortet? Ich fragte zurück: Warum sollte ich mir diese Unverschämtheiten gefallen lassen?

Und genau diesen Luxus haben Tausende Menschen in diesem Land nicht. Sie müssen es sich gefallen lassen, sich teils tagtäglich von ihren Kollegen oder auch Vorgesetzten psychisch bekämpfen lassen, weil sie sonst ihren Job verlieren. In der Pflege ist es an manchen Orten an der Tagesordnung, einen so schlechten Umgang miteinander zu pflegen, dass es den Beteiligten oft schon gar nicht mehr auffällt, wie absonderlich das ist. Sie kennen es schon gar nicht mehr anders. Dementsprechend wird der Druck an Patienten und Angehörige weitergegeben. 

Der Berliner Intensivpfleger Ricardo Lange hat vergangene Woche der Berliner Zeitung ein Interview gegeben mit der Überschrift „In der Pflege ist die Mobbingrate am höchsten“. Er berichtete darüber, wie Kollegen sich viel zu oft gegenseitig wegen kleiner Fehler anschwärzen, anstatt sich zu helfen oder gemeinsam in ausreichender Zahl gegen die verheerenden Zustände in der Pflege zu protestieren. Zahlreiche Leser aus der Branche pflichteten ihm bei. Doch warum ist das so?

Nun könnte man anführen: Twitter ist eh ein Hort der Spalter, und in anderen Berufen ist der Umgang auch nicht immer rosig. Aber die Pflege ist nicht nur nach Studienlage ein Job, der besonders anfällig für Mobbing ist, sondern auch im Alltag klar erkennbar burnoutgefährdend aufgrund des immer schlimmer werdenden Pflegenotstands. 

Die Politik schafft es erkennbar nicht, sich dieses Problems anzunehmen. Ein Gesundheitsminister nach dem anderen scheitert daran. Der aktuelle, Karl Lauterbach, war einst sogar federführend daran beteiligt, die Fallpauschale in den Kliniken einzuführen, die mit für die Unterfinanzierung der Krankenhäuser sorgte. Heute tut er gerne so, als sei er immer schon für deren Abschaffung gewesen. 

Es nützt also alles nichts: Die Pflege muss sich solidarisieren, um die Zustände zu ändern, von denen viele Gesunde nicht auch nur den Hauch einer Ahnung haben. Es muss viel deutlicher und ehrlicher über die Zustände gesprochen werden, die diesen Beruf und die angemessene Versorgung Kranker und Alter in Teilen unmöglich machen. Es dürfen nicht nur Einzelne sein, die sich mutig äußern, um dann von ihren eigenen Kollegen auch noch als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden.

Auch die Medizin muss sich äußern. Ärzte müssen ihre übermäßige Sorge überdenken, das Vertrauen in ihre Branche zu zerstören. Wenn sie ihrer Verantwortung den Patienten gegenüber gerecht werden wollen, dann müssen sie den Mund aufmachen. Sonst wird sich nichts ändern. Das wäre fatal.