Sanktionen gegen Ulrike Guérot und Roger Waters – oder lieber nicht

In der öffentlichen Debatte verfestigt sich die Ansicht, dass gefährlich lebt, wer sich politisch festlegt. Ein Plädoyer für liberale Gelassenheit.

Wegen seiner politischen Äußerungen umstritten: der Musiker Roger Waters
Wegen seiner politischen Äußerungen umstritten: der Musiker Roger WatersTiago Caldas/imago

Schlechte Zeiten für liberale Gelassenheit. Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man sich die öffentlichen Debatten nach über zwei Jahren Pandemie und einem Jahr Krieg vor Augen führt. Resigniertes Kopfschütteln und demonstratives Entsetzen ersetzen die argumentative Anstrengung, gut begründet dagegenzuhalten.

Begleitet werden die Phänomene diskursiver Erschöpfung von Sanktionierung und Deklassierung, immer öfter jedenfalls regt sich der Verdacht, dass die Festlegung auf politische Positionen nicht folgenlos bleibt.

Ulrike Guérot zum Beispiel: In den Nachrichten über rechtliche Schritte, die die Universität Bonn wegen mutmaßlicher Plagiate in nichtakademischen Veröffentlichungen der Politikwissenschaftlerin eingeleitet hat, blieb nicht unerwähnt, dass Guérot sich von einer engagierten Europa-Verfechterin zu einer umstrittenen Kritikerin der Corona-Maßnahmen entwickelt habe.

Vor einigen Monaten wurden zudem Textpassagen skandalisiert, in denen Guérot und der Kulturwissenschaftler Hauke Ritz der Ukraine und dem Westen unterstellen, einen Krieg mit Russland begonnen zu haben. Falschmeldungen, ideologische Verdrehungen – das war zuletzt der Stoff vieler Talkshows kurz vor Mitternacht, in denen auch Ulrike Guérot häufig zu Gast war. Aber kann es sein, dass das zum Entzug einer wissenschaftlichen Berufung führt?

Mit der gesellschaftlichen Fallhöhe wächst die Gefahr

Die Universität Bonn beschränkt sich im Fall Guérot auf die Prüfung von Plagiatsvorwürfen, wird aber nicht leugnen können, dass diese wie ein Brandbeschleuniger im Umgang mit den missliebigen Positionen ihrer Professorin wirken. Die Umtriebe von Plagiatsjägern, so viel lässt sich mit Blick auf deren Aktivitäten in der jüngeren Vergangenheit sagen, sind stark an die Konjunkturen der Aufmerksamkeit für Politiker und Prominente geknüpft. Mit der gesellschaftlichen Fallhöhe steigt die Gefahr, mit einer Publikation ins Visier der selbsternannten Verteidiger des geistigen Eigentums anderer zu geraten. In den Kanälen sozialer Zuspitzung hat sich der Kurzschluss, dass hier eine streitbare Person öffentlich bestraft werden soll, längst verselbstständigt.

Drei Prominentenregale höher geraten die politischen Verstiegenheiten des Rockstars Roger Waters zu einem internationalen Pop-Spektakel. Seit vielen Jahren ist der Mitbegründer der Kultband Pink Floyd das attraktive Zugpferd der Boykottorganisation BDS, die Israel wirtschaftlich, politisch und kulturell isolieren möchte. Zuletzt reüssierte der Brite Ansichten mit steilen Behauptungen, dass vor allem Nato und die USA und nicht Russland für den Krieg gegen die Ukraine verantwortlich seien.

In einem bemerkenswerten Interview mit der Berliner Zeitung ist schmerzlich nachzuempfinden, wie unerschütterlich das manichäische Weltbild des Roger Waters ist. Wer versuchsweise dagegenhält, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, einer Gehirnwäsche unterzogen worden zu sein. „All in all, you’re  just another brick in the wall“ – wer mit der Musik von Pink Floyd aufgewachsen ist, wohnt nicht ohne Bestürzung der Vorstellung bei, wie ein Urheber des Soundgefühls der 70er-Jahre dabei ist, sich einzumauern.

Aber ist das bereits ein Grund, ihm die Auftritte in großen Konzerthallen zu verwehren? Ja, haben kürzlich verantwortliche Politiker in Hessen und der Stadt Frankfurt am Main befunden und ihre Messegesellschaft angewiesen, das für Mai geplante Konzert abzusagen. Die Waters unterstellten und von ihm bestrittenen antisemitischen Haltungen erzeugen hier eine besonders starke Reaktion. In der Frankfurter Festhalle, in der Waters hätte auftreten sollen, waren nach der Pogromnacht 1938 über 3000 jüdische Männer zusammengetrieben und von dort anschließend in NS-Konzentrationslager deportiert worden.

Wie umgehen mit dem lästig Anderen?

So verständlich also die Frankfurter Konzertabsage erscheinen mag, ist es doch schade, dass diese Entscheidung dem Publikum nicht an der Abendkasse überlassen wird. Und wenn die Fans dann zu der zuletzt arg strapazierten und eher formelhaften Unterscheidung zwischen Künstler und Werk gelangen, sollte das im weiten Feld ästhetischer Dringlichkeiten doch auszuhalten sein. Warum nicht vor der Halle darauf pochen, dass es ein anderes Weltverständnis gibt als das des Künstlers?

Vor dem Hintergrund lauter werdender Rufe nach Verbot und Sanktion sollte die Erkenntnis nicht unterschlagen werden, dass illiberale Gesellschaften nicht nur das Werk skrupelloser Demagogen wie Orbán und Erdogan sind, sondern auch aus der Illusion erwachsen können, sich vor drohenden Gefahren und dem lästig Anderen durch überstürzte Abwehr und juristische Manöver schützen zu können.

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