Der Corona-Impfstoff von Valneva kommt zu spät

Der Umgang der EU und der Zulassungsbehörden mit dem klassischen Totimpfstoff befeuert Verschwörungstheorien und vertieft die Gräben in der gesellschaftlichen Diskussion.

Dosen des Corona-Impfstoffs VLA2001 von Valneva.
Dosen des Corona-Impfstoffs VLA2001 von Valneva.AFP/Tallis

Eine Million Dosen des Corona-Impfstoffes des französisch-österreichischen Herstellers Valneva sollen  ab September in Deutschland zur Verfügung stehen. VLA2001, so der Name des Impfstoffes, kommt – allerdings zu spät.

Bereits im Dezember vergangenen Jahres begann die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) damit, zu prüfen, ob dieser sogenannte Totimpfstoff für die EU zugelassen werden kann, der wie ein klassischer Impfstoff funktioniert, etwa gegen Influenza. Die EU will nun in diesem Jahr 2,5 Millionen Dosen abnehmen, ursprünglich sollten es bis 2023 etwa 60 Millionen sein. Im Mai aber kündigte sie an, vom Vertrag abzurücken, wegen mehrfacher Nachfragen der EMA, die kurz darauf dann doch das Präparat endlich zuließ. VLA2001 kam spät, zu spät für Valneva. In die Defensive gedrängt, musste das Unternehmen die diktierten Konditionen hinnehmen.

Es ist nicht allein dieses anrüchige Vorgehen der EU und ihrer Zulassungsbehörde, die sich zu mehr als 80 Prozent aus Gebühren der Pharmaindustrie finanziert und den Rest des Budgets aus öffentlichen Mitteln erhält. Angekündigt worden war in der Impfkampagne gegen Corona, verschiedene Arten von Corona-Vakzinen anzubieten. Tatsächlich dominiert auf dem Kontinent die mRNA-Technologie, wie sie die Konzerne Biontech/Pfizer und Moderna nutzen, mit dem behördlichen Segen der EMA.

Ebenfalls seit einiger Zeit befindet sich CoronaVac der chinesischen Firma Sinovac in der Prüfung. Bereits Anfang Juni erteilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Präparat die Notfallzulassung. Seitdem ist es das global am häufigsten verwendete Vakzin gegen Corona. Die EMA prüft noch.

Valneva soll einer Impfkampagne Impulse verleihen – und schafft es nicht

In Deutschland soll VLA2001 einer Impfkampagne vom September an zusätzliche Impulse verleihen. Doch bereits die in Aussicht gestellte Charge lässt die bescheidenen Erwartungen erkennen. Zumal zwei Injektionen für einen optimalen Schutz gegen schwere Krankheitsverläufe nötig sind, also lediglich rund 500.000 Menschen davon profitieren können. Eine echte Alternative sieht anders aus.

Ohnehin dürfte in Deutschland der Grad der Immunisierung gegen das Virus hoch sein. Mehr als 76 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft. Wie viele sich inzwischen mit dem Coronavirus angesteckt haben, lässt sich weniger genau bestimmen. Einer Studie zufolge wies mehr als der Hälfte der Probanden, die sich mit der Omikron-Variante infiziert hatten, auch Symptome einer Erkrankung auf.

Dass VLA2001 zu spät kommt, hat vor allem einen anderen Grund; weniger einen medizinischen, keinen ökonomischen, eher einen psychologischen: Früh haben sich die Fronten verhärtet, auch vom politisch motivierten und medial befeuerten Versuch, der Pandemie rasch und wirksam zu begegnen. Befürworter einer Impfstrategie auf Basis der mRNA-Technologie und deren Kritiker haben sich in ihren Gräben argumentativ verschanzt. Ein sachlicher Austausch findet seither nicht statt. „Verschwörungstheoretiker“ gegen „Lobbykasper“ – Vorurteile würgen eine konstruktive Debatte von vornherein ab, erschweren Transparenz.

VLA2001 kommt zu spät, ungeachtet aller medizinischen Belege, die diesen Impfstoff als eine echte Alternative zu den bereits erprobten Präparaten ausweisen würden – oder eben nicht. Ohne die Wirkweise des Vakzins überhöhen zu wollen – ein transparenterer Umgang damit hätte geholfen, die Gräben zu überwinden.

Mag sein, dass die Pandemie bald abebben wird, dass die Zahl der Infektionen und schweren Krankheitsverläufe weiter zurückgeht, dass sich das Infektionsgeschehen dem einer Grippewelle annähert. Die Langzeitfolgen jedoch sind kaum abzusehen. Das betrifft Long Covid, Erkrankungen durch eine Corona-Infektion, die nachwirken und das Sozialsystem auf unabsehbare Zeit stark belasten werden. Das betrifft allerdings auch die Frage, wie die Menschen hierzulande künftig miteinander umgehen.