Die Rückgabe von Raubkunst ist in eine neue Phase eingetreten

Der schmucklose Rahmen verdeckt beinahe ein historisches Datum. Nigeria erhält ab sofort 514 der Berliner Benin-Bronzen zurück.

Objekte mit Symbol-Charakter: Zwei der in Berlin befindlichen Benin-Bronzen und Reliefs, die nun nach Nigeria zurückgehen. 
Objekte mit Symbol-Charakter: Zwei der in Berlin befindlichen Benin-Bronzen und Reliefs, die nun nach Nigeria zurückgehen. dpa

In Post-Corona-Zeiten müssen sich auch große kulturpolitische Entscheidungen mit schnöder Homeoffice-Ästhetik zufriedengeben. Und so wurde am Donnerstagnachmittag Abba Isa Tijani, der Generaldirektor der nigerianischen Commission for Museums and Monuments (NCMM), mit einem kurzen Videostatement zugeschaltet. In der Zentrale der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gab Hausherr Hermann Parzinger nicht weniger als den Vollzug einer Rahmenvereinbarung zwischen dem NCMM und der SPK bekannt. Das frisch unterzeichnete Vertragswerk sieht vor, insgesamt 514 Artefakte an Nigeria zurückzugeben, die als Folge der sogenannten Britischen Strafexpedition von 1897 über den Kunstmarkt nach Berlin gelangt waren.

Was unter dem Stichwort Benin-Bronzen in den zurückliegenden Jahrzehnten zunächst Gegenstand einer vor allem in Museumskreisen geführte Diskussion war, hatte in jüngerer Zeit einen umstrittenen Symbolcharakter angenommen in Bezug auf die Sammlungsobjekte aus kolonialen Kontexten in deutschen Museen.

Rund ein Drittel der Werke verbleibt in Berlin

Dass dieser 25. August 2022 als historisches Datum in die Kunst- und Museumsgeschichte eingehen wird, hat sehr viel auch mit der vorsichtig als defensiv zu beschreibenden Haltung deutscher Museen zu ihrer oft problematischen Erwerbsgeschichte von Sammlungen und Einzelwerken zu tun. Man war bestrebt, das lange als diffamierend empfundene Wort Raubkunst tunlichst zu vermeiden.

SPK-Präsident Hermann Parzinger wurde nicht müde zu betonen, dass der nun unterzeichnete Vertrag Modellcharakter für die künftige Zusammenarbeit habe. Man begehe also nicht den Abschluss langer Verhandlungen, sondern stehe am Beginn wechselseitigen Lernens und Verstehens. Rund ein Drittel der Artefakte, also rund 170 verbleiben in Berlin, in einer für Mitte November geplanten Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum sollen dann nicht nur Werke gezeigt, sondern auch die Prozesse reflektiert werden, in denen sich ein gesellschaftlicher Wandel vom bloßen Kulturbesitz zu kreativem Kulturaustausch vollzogen hat.

Erstaunliche Freizügigkeit

Noch immer muss sich die SPK dabei des Verdachts erwehren, sich aufgrund des öffentlichen Drucks, der insbesondere auf dem ambitionierten Vorhaben Humboldt-Forum lastet, an die Spitze einer Rückgabebewegung von Kulturgütern gesetzt zu haben, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Hermann Parzinger bestritt denn auch keineswegs den vollzogenen Bewusstseinswandel. Es liege in der Natur der Sache, dass Museumsleiter zunächst einmal besorgt auf den Bestand ihrer Sammlungen blickten. Dass diese Haltung nun einer erstaunlichen Freizügigkeit in Sachen Rückgabe gewichen ist, evozierte neue Skepsis, die Parzinger mit dem Verweis auf „innernigerianische Angelegenheiten“ abzuwenden versuchte. Der Bewusstseinswandel hinsichtlich kolonialer und postkolonialer Verhältnisse, das hat zuletzt auch die Kunstausstellung Documenta in Kassel auf bizarre Weise gezeigt, ist in vollem Gange.