Corona? War gestern. Seit ein paar Wochen feiert die pandemiegeplagte Gesellschaft die Rückkehr zur Normalität. Der Krieg gegen die Ukraine hat uns das 9-Euro-Ticket beschert, als ginge es darum, den Völkerrechtsverletzungen des putinschen Regimes mit der Kraft der hiesigen Sozialität zu begegnen. Auf dem Weg von hier nach da husten und schwitzen wir gegen den Krieg, als hätte es die Zirkulation der Aerosole nie gegeben.

Die Berliner Pop-Szene gab sich am Wochenende vor drei Bühnen auf dem Rollfeld ihres Party-Flughafens enthusiasmiert den Klängen der Tempelhof-Sounds hin. Zwei Jahre nach dem Absage-Marathon schlägt in den kommenden Wochen die musikalische Celebrity im Tagesrhythmus auf, als ließe sich das elende Hocken daheim und im Studio mit ein paar Umdrehungen an den Schaltern der Soundanlage vergessen machen. Und mal ehrlich: Wer möchte sich zu den lieblichen Klängen des Pianospiels von Alicia Keys nicht dem Sehnen nach Nähe und Mitgefühl hingeben?

Wer Bedürfnis nach Schutz zeigt, gilt als Spaßbremse

Wer jetzt noch auf Abstand und textilen Mundschutz beharrt, gibt sich als muffelige Spaßbremse zu erkennen. Aus der Wahrnehmung der wiedergewonnenen Lockerheit jedenfalls erscheint das freiwillige Tragen einer Maske im Supermarkt als Angriff auf die unbehelligte Lebensfreude.

Um es mal im Modus gedrosselter Empörung zu sagen: Die politisch Verantwortlichen haben es so weit kommen lassen, dass das Festhalten an einfachen Schutzmaßnahmen als übellaunige Asozialität verstanden werden kann. Ein paar sonnige Tage haben das Bedürfnis nach Schutz desavouiert. Ganz nebenbei, so die Erfahrung aus dem eigenen Umfeld, nehmen die Infektionsfälle bei atemberaubender Beliebigkeit behördlicher Nachverfolgung wieder deutlich zu. Eine Corona-Erkrankung mag angesichts von Impf- und Genesenenquote erträglicher geworden sein. Die Sommerignoranz gegenüber den Gefahren ist ein soziales Desaster.