Krise der Warenhäuser: Ein Stück Stadtkultur verschwindet

Mit der Krise von Galeria Karstadt Kaufhof ist mehr gefährdet als ein Warenhauskonzern. Den deutschen Innenstädten steht ein dramatischer Wandel bevor.

Galeria Kaufhof am Berliner Alexanderplatz
Galeria Kaufhof am Berliner AlexanderplatzBenjamin Pritzkuleit

Die kulturelle Bedeutung der großen Warenhäuser stand schon immer in einem eklatanten Widerspruch zur ökonomischen. In der ersten Blütezeit des Kaufhauses in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts machten die Umsätze von Wertheim, Karstadt, Tietz und Co. gerade einmal 2,5 Prozent des Anteils am deutschen Einzelhandel aus, in der öffentlichen Wahrnehmung aber nahm es rasch die Rolle eines gesellschaftlichen Spiegels an, in dem man es als verführerischen Konsumtempel oder schlicht als gefräßige Konkurrenz für den Krämerladen um die Ecke sah.

Für Schriftsteller, Philosophen und Soziologen wie Émile Zola, Georg Simmel, Walter Benjamin, Sigfried Kracauer, Franz Hessel und andere war das Kaufhaus ein faszinierender Schauplatz der Moderne, auf dem nicht zuletzt Wünsche, Ängste, Ressentiments und Projektionen gehandelt wurden. Das gesellschaftliche Begehren ging keineswegs nur von den Vitrinen aus, in den großen, trotz der Warenvielfalt klar strukturierten Häusern begegneten die Bürger auch sich selbst. Kaum etwas repräsentierte die Stadtgesellschaft so sehr wie das erste Haus am Platz, in dem die Menschen sich mit dem zeigten, was sie sind und was sie haben wollen.

„Kaufhof bietet tausendfach, alles unter einem Dach“

Wenn die Metapher vom Marktplatz noch eine Bedeutung hat, dann ist sie in der digitalen Welt vor allem auf Bereiche übergegangen, wo Meinungen getauscht werden, während die materiellen Bedürfnisse zunehmend über imaginäre Warenkörbe verlaufen, die nach Spezialinteressen sortiert sind. Bücher, Mode, Sportartikel, Delikatessen – für alles gibt es Online-Adressen, aber auf keine trifft mehr der Werbeslogan zu, den ich seit meine Jugend im Gedächtnis behalten habe: „Kaufhof bietet tausendfach, alles unter einem Dach“.

Mit der faszinierenden Wirkung der unmittelbaren Gegenwart des Tausendfachen scheint es ein für alle Mal vorbei zu sein. Einer der Markgiganten, der Einzelhandelskonzern Galeria Karstadt Kaufhof befindet sich in wirtschaftlichen Turbulenzen und hat Insolvenz unter den Bedingungen eines sogenannten Schutzschirmverfahrens beantragt. Das besagt zwar, dass es bei günstigem Ausgang noch nicht vorbei sein muss mit der glanzvollen Geschichte und Gegenwart der Häuser. Es ist aber seit geraumer Zeit kein Konsumgeheimnis mehr, dass die Zeit des liebevollen Umschleichens der Waren einer schnöden Achtlosigkeit gewichen ist. Das Kaufhaus hat seine Aura selbst dort verloren, wo man ihm mit aufwendigen Umbau zur Freizeit- und Erlebnissphäre neue Attraktivität einzuflößen versucht. Bestand sein großer Reiz einmal in der sozialen Mischung der Kundschaft, so wird nun über die regulären Öffnungszeiten hinaus der Versuch unternommen, soziale Abgrenzung, also Exklusivität, als After-Work-Ereignis anzubieten. Im restaurierten Berliner KaDeWe ist kaum noch zu unterscheiden, wo der Warenbereich aufhört und die Eventzone beginnt.

Inseln städtischer Verödung

Weit dramatischer als die Malaise des Warenhauses aber ist die des öffentlichen urbanen Raumes. Waren Innenstädte einmal Zentren der Geschäftigkeit, die das Leben der Menschen sichtbar in Arbeit und Freizeit teilte, so ist inzwischen jene Orientierung verloren gegangen, die einmal reguläre Öffnungszeiten zwischen 9 und 18 Uhr garantierten. Verstärkt durch die Corona-Krise präsentiert sich der Einzelhandel nunmehr als unzuverlässiges Revier aus akuter Not („wegen Krankheit geschlossen“) und libertärer Beliebigkeit („Auf ist, wenn auf ist.“) Aus dem schier unbegrenzten Meer hemmungsloser kapitalistischer Ausdehnung ragen inzwischen Inseln der Verödung hervor, rasende Fluktuation und Neustartversuche anstelle kontinuierlichen Wachstums. Auf groteske Weise wird der Niedergang des Stadtraums als ökonomisches Kraftzentrum von verzweifelten Anstrengungen zu einer politischen Mobilitätswende begleitet, in der das Auto nicht länger als Fortbewegungs- und Transportmittel hingenommen, sondern als Dämon exorziert wird. Galt das Kaufhaus einmal als Schaustätte unerreichter Wünsche, so erscheint es nun zunehmend als schwer erreichbares Gebäude.

Wenn man es angesichts des Niedergangs der kulturellen Errungenschaft Warenhaus nicht bei Sentimentalitäten belassen will, käme es auf eine Stadtplanung an, die zukünftiges Wirtschaftshandeln auf einleuchtende Weise mit den Varianten zu verbinden weiß, sich in der und durch die Stadt zu bewegen. Der traurige politische Triumph aber, eine vom Autoverkehr geprägte Straße in eine reine Fahrradstraße mit Pflanzenkübeln umgewandelt zu haben, könnte bald schon das dort gelegene Kaufhaus als leere Kulisse aus einer anderen Zeit erscheinen lassen.