Warum die Gaspreisbremse die Solidarität beschädigt

Gemeinschaftsgefühle bedürfen der Erfahrung, aufeinander angewiesen zu sein. Das Prinzip Entschädigung birgt die Gefahr der Entsolidarisierung.

Ein Straßenmusiker spiegelt sich am Alexanderplatz in Berlin.
Ein Straßenmusiker spiegelt sich am Alexanderplatz in Berlin.dpa

Die Blätter der Platanen bedecken in diesen Tagen derart üppig die Gehwege, dass die goldbraune Zierpracht des Herbstes beinahe lästig erscheint. Am S-Bahn-Zugang spielt ein Akkordeonspieler „Over The Rainbow“, warum nur gebe ich mich nicht einfach wohlwollend dem Idyll der untergehenden Sonne hin? Zu oft gehört, sage ich mir entschuldigend. Der Akkordeonspieler drückt auf die Tasten des Regenbogens bis zur akustischen Schmerzgrenze, offenbar ist es das einzige Stück seines Repertoires. Achtlos gehe ich weiter, als hätten die Klänge längst ihre Lieblichkeit verloren. Hat die Melodie meine Gereiztheit überhaupt erst ausgelöst? Oder vermag sie diese bloß nicht mehr zu lindern?

Der Mann an der S-Bahn-Unterführung ist kräftig, wohl auch deutlich jünger als ich. Lange Zeit saß hier ein älterer Herr, der, immer gut gelaunt lächelnd und mit der Andeutung eines Kopfnickens grüßte, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Er war bekannt in dem Viertel, wir gaben im Vorbeigehen regelmäßig ein paar Münzen, andere brachten Lebensmittel und Obst. Als er eines Tages nicht wiederkam und offenbar durch den Rainbow-Mann ersetzt wurde, musste ich an Klaus Hoffmanns Lied „König der Kinder“ denken, das von einem Straßenmusiker handelt, der in den Momenten seines Spiels aufblüht und wieder einsam in sich zusammensackt, wenn er ein paar Häuser weitergezogen ist.

Mit Mitgefühl allein kommen wir nicht weiter

Solidarität, so sage ich mir angesichts meiner kurzen Selbstbeobachtung, ist ein fragiles Gut. Es lässt sich gar nicht so einfach sagen, wann die Bereitschaft zu geben vorhanden ist und warum sie versiegt. Ist sie ein lügnerischer Begriff? So jedenfalls fragte unlängst der Berliner Soziologe Heinz Bude in einem Radiogespräch und artikulierte eine gewisse Skepsis gegenüber dem Begriff der Empathie. Mit Mitgefühl allein, so der Soziologe, komme man jedenfalls nicht weiter. Aber hat nicht die Corona-Krise gezeigt, dass es ohne Gemeinschaftsgefühle eben auch nicht geht?

Spielte zu Beginn der Pandemie der wechselseitige Schutz eine zentrale Rolle, so lässt sich inzwischen dessen Wertverfall beobachten. Während einige im öffentlichen Nahverkehr noch ängstlich oder aus Einsicht in die Notwendigkeit eine Maske tragen, so verzichten andere geradezu demonstrativ auf sie: „Is mir doch egal.“

Durch das Nadelöhr des Ichs

Heinz Bude plädiert in diesem Zusammenhang für eine Solidarität, die sich vom bloßen Mitgefühl unterscheidet, das nicht selten im Gestus der Herablassung daherkommt. Eine gesellschaftlich stabile und haltbare Form der Solidarität erwachse vielmehr aus dem Bedürfnis nach wechselseitiger Hilfe. Solidarität, die den Namen verdient, geht nicht zuletzt aus der Erfahrung hervor, aufeinander angewiesen zu sein. Aus dem Bestreben, sich gegenseitig zu stärken, kann ein gesellschaftliches Handeln entstehen, das über Krisen hinaus trägt. Solidarität, so Bude, müsse durch das Nadelöhr des Ichs.

Vor diesem Hintergrund widerspricht die beschlossene Gaspreisbremse solidarischen Prinzipien in einem entscheidenden Punkt. Sie folgt einer Logik der Entschädigung, aus der weitere Ansprüche abgeleitet werden. Wie das freiwillige Geben einer psychologischen Motivation bedarf, so sollte auch das Nehmen nicht auf Regelhaftigkeit aufgebaut sein. „Birds fly over the rainbow / why then, oh, why, can’t I?“