Entscheidung über Leben und Tod: Gerechtigkeit gibt es bei einer Triage nicht

Auswahl nach Zufallsprinzip oder Überlebenschancen? Das neue Triage-Gesetz kann zwei gegensätzliche Forderungen nicht unter einen Hut bringen.

Wer bekommt bei einer Triage die möglicherweise lebensrettende Intensivbehandlung? Das ist eine ethisch höchst umstrittene Frage.
Wer bekommt bei einer Triage die möglicherweise lebensrettende Intensivbehandlung? Das ist eine ethisch höchst umstrittene Frage.epd/imagebroker/Florian Bachmeier

Die Triage ist ein grausames Thema, über das man am liebsten gar nicht nachdenken möchte. Aber man muss! Das Bundesverfassungsgericht hatte dem Gesetzgeber im Jahre 2021 aufgetragen, ein Triage-Gesetz zu entwickeln. Der Bundestag hat dies jetzt verabschiedet.

Den Anstoß dafür gab eine Verfassungsbeschwerde von Menschen mit Behinderung. Sie befürchteten, in sogenannten Triage-Situationen – wie es sie etwa in Italien und den USA in der Corona-Pandemie gegeben hatte – benachteiligt zu werden. Weil sie unter Begleiterscheinungen leiden, die den Krankheitsverlauf beeinflussen können.

Per Gesetz sollte eine diskriminierungsfreie Triage durchgesetzt werden, bei der weder Alter noch Behinderung, Gebrechlichkeit oder Begleiterkrankungen eine Rolle spielen. Sie sollte sich nach Vorstellung der Beschwerdeführer nicht an „Merkmalen von Menschen“ orientieren, sondern weitgehend nach Zufall funktionieren. Zum Beispiel mit einer Auswahl nach der Reihenfolge (wer als erster eingeliefert wird), nach der Dringlichkeit (wer die Behandlung im Moment am dringendsten braucht) oder nach einem Losverfahren.

Intensivmediziner wollen möglichst viele Menschenleben retten

Die Argumente dafür lauten: Ein Leben sei nicht weniger wichtig als ein anderes. Außerdem seien medizinische Prognosen selten frei von Vorurteilen. „Gerade Menschen mit Behinderung wissen, dass die Prognosen, die ihnen gestellt wurden, oft nicht eintreffen“, sagte Constantin Grosch, Sprecher der Aktionsplattform AbilityWatch.

Gegen diese Forderung einer weitgehend vom Zufall abhängigen Triage steht die Haltung von Intensivmedizinern, die darauf orientieren, dass es im Katastrophenfall um die Rettung möglichst vieler Menschenleben gehe – und es eine Auswahl nach Erfolgswahrscheinlichkeit geben müsse. 

Beide Forderungen kann man nicht zusammenbringen. Das neue Triage-Gesetz versucht es und scheitert damit. Die Formulierung, dass die „aktuelle und kurzfristige Überlebenswahrscheinlichkeit“ maßgebliches Kriterium für eine Triage-Entscheidung sein sollte, ignoriert sowohl die Forderung nach einer weitgehend merkmalsfreien Auswahl, als auch die Auffassung der medizinischen Fachgesellschaften.

Diese betonten, dass Intensivbehandlungen oft über Wochen und Monate gingen. Kriterium für eine Auswahl sollte also sein, ob Patienten „die aktuelle intensivmedizinische Behandlung“ überleben, nicht eine kurzfristige Prognose. Auch andere Kritikpunkte der Mediziner wurden ignoriert.

Triage bedeutet Auswahl und Sortierung

Die Benachteiligung Einzelner gegenüber anderen ist das Wesensmerkmal einer Triage – französisch für: Auswahl und Sortierung. In überlasteten Kriegs-Lazaretten, wo die Triage einst „erfunden“ wurde, musste schnell entschieden werden, welcher Verwundete Überlebenschancen hat und welcher nicht. Im zivilen Leben droht die Triage bei Epidemien, Pandemien, Katastrophen oder Terroranschlägen mit vielen Verletzten. 

Die Frage ist, ob ein Gesetz überhaupt zu einer Art Gerechtigkeit bei einer Triage führen kann. Sollte es noch eine große öffentliche Debatte über die Alternativen geben, wie sie Kritiker fordern? Das wäre sicher notwendig, vor allem auch zum Selbstverständnis, was mögliche generelle Vorurteile gegenüber Alten, Behinderten und Menschen mit Vorerkrankungen betrifft. Tendenzen in diese Richtung waren ja in der Corona-Pandemie durchaus zu erkennen.

Dass jedoch am Ende einer solchen Debatte die Festlegung eines Zufallsprinzips per Gesetz steht, unabhängig von jeglichen Überlebensprognosen, ist zu bezweifeln. Denn das würde die medizinische Expertise in einer Triage-Situation aushebeln.

Schon heute findet in überlasteten Kliniken eine Auswahl statt

Nein, im Fall einer Triage muss man dafür sorgen, dass höchste medizinische Kompetenz waltet, und zwar nach fachlichen Standards. Es geht um ein sicheres Procedere, um Entscheidungen nach dem Mehraugenprinzip, um Dokumentationen zur rechtlichen Absicherung, in denen auch begründet werden muss, dass nicht Vorurteile gegenüber dem Alter, einer Behinderung oder Gebrechlichkeit eine Rolle bei der Auswahl spielten, sondern ganz bestimmte medizinische Probleme. „Bei Behinderungen und (Vor-)Erkrankungen, die für die aktuelle Überlebenswahrscheinlichkeit relevant sind, muss die diesbezügliche spezielle ärztliche Expertise einbezogen werden“, schreiben die Fachgesellschaften.

In diesem Zusammenhang muss man betonen, dass ja schon heute an überlasteten Kliniken Deutschlands täglich eine Auswahl stattfindet. Menschen werden auch benachteiligt, wenn sie anderswohin transportiert werden müssen, weil die Kapazitäten in der eigenen Klinik nicht ausreichen. Oder wenn wichtige Herzoperationen und Krebsbehandlungen verschoben werden müssen, weil Betten für eine Infektionswelle gebraucht werden.

Die Diskussion zeigt wieder einmal, wie wichtig es ist, Kliniken so mit Intensivbetten, Technik, Personal und Reserven auszustatten, dass es erst gar nicht zu Triage-Situationen kommt.