Querdenker oder Ukraine-Krieg: „Freiheit“ ist zum Kampfbegriff geworden

Thilo Mischke fragt sich, was Freiheit ist, für wen sie gilt. Und denkt an die leeren Versprechen nach dem Ende der DDR.

Street Art zum Tag der Deutschen Einheit
Street Art zum Tag der Deutschen Einheitimago/Müller-Stauffenberg

Der 3. Oktober ist in meiner Familie kein besonderer Feiertag. Nicht, weil wir alle heimlich die Linke wählen und uns in unserer Freizeit als FDJler verkleiden, um am sowjetischen Mahnmal in Treptow zu provozieren. Nein, der 3. Oktober ist kein Feiertag, weil er in meiner Familie als nichtig empfunden wird.

In meiner Familie ist man sich unsicher einig: Der 9. November wäre, trotz seiner Mehrfachbelegung mit historischen Ereignissen, der bessere Feiertag gewesen. Dieser Gedanke wird jedes Jahr laut formuliert, und jedes Jahr widerspricht mein Vater: „Naja, wir können keinen Feiertag haben, an dem die November-Pogrome waren.“ Und er hat natürlich recht.

Der 3. Oktober fühlt sich für Ost-Berliner, wie meine Eltern es nun mal sind, wie ein christlicher Feiertag an: Man muss nicht arbeiten, super, aber persönliche Bezüge zum Tag existieren nicht.

„Wollen wir nach Wiepersdorf?“, frage ich meine Eltern an diesem orientierungslosen Montag. Die Wolken drücken sich herbstlich in die Straßen und schmiegen sich an die Dachstühle dieser Stadt. Die Stimmung ist wie am zweiten Weihnachtsfeiertag. Es riecht nur nicht nach Winter, weil sich keiner traut zu heizen.

Meine Mutter freut sich. Vater ebenso. Das Schloss Wiepersdorf ist für meine Familie wichtig, mehr als 60 Jahre lang wurde dort gearbeitet, gelebt, wurden Sommerferien verbracht. Das Schloss liegt bei Jüterbog. Im langweiligen, staubigen Süden Brandenburgs. Es war Unterkunft für Bettina von Arnim, für die Gebrüder Grimm, für die Kulturelite der DDR und, nun ja, auch für Familie Mischke. Bis vor drei Jahren eine neue Betreiberin kam, die meiner Familie und mir den Zutritt verwehrte.

Das Schloss Wiepersdorf in Brandenburg, 1988.
Das Schloss Wiepersdorf in Brandenburg, 1988.imago/Günter Schneider

Der Kampf in der Ukraine ist ein Kampf ums Überleben

Wir fahren trotzdem hin, setzen uns in den Garten und essen trockene Stullen, die meine Mutter in einer Plasteschale transportiert. Wir reden im Schlossgarten über früher. Und über Freiheit.

Der 3. Oktober ist ein Tag, an dem Deutschland die Freiheit feiern will, und ich denke oft und viel über diesen Begriff nach. Über diese Freiheit. Besonders in den letzten Jahren ist „Freiheit“ zu einem Kampfbegriff geworden. Erst trieben die privilegierten Querdenkenden durch die Straßen und brüllten sich mit Schaum vorm Mund in die eigene Unfreiheit. Dann wurde der Krieg in der Ukraine zum absoluten Freiheitskampf Europas an der Ostgrenze hochgejazzt. Dabei ist der Kampf in der Ukraine kein Freiheitskampf, sondern ein Kampf ums Überleben ukrainischer Zivilisten. Im Krieg geht es um Leben und Tod, nur wer nicht mitkämpft, denkt, Krieg sei ein Kampf um die richtige Seite.

Die Zivilisten werden vergessen, weil es ja um diese Sache geht, die kaum zu verstehen ist. Freiheit. Dieser Begriff, der eigentlich nichts bedeutet.

Was soll diese Freiheit sein? Für wen gilt sie? Und wie nachhaltig ist der Kampf um eine Freiheit?

Natürlich waren die Bürgerrechtsbewegungen in den 1980ern in Ost-Berliner Kirchen auf der Suche nach einer neuen Freiheitlichkeit, nach der Abschaffung der Einschränkungen,  vollkommen richtig, sie wollten das Sterben an dieser Mauer beenden. Die Bürger sollten frei sein und das bedeutet: frei entscheiden können.

"Trabis" (Autos der DDR-Marke Trabant) rollen am 10. November 1989 nach der Öffnung eines Teiles der deutsch-deutschen Grenzübergänge am Grenzübergang Rudolphstein in den Westen.
"Trabis" (Autos der DDR-Marke Trabant) rollen am 10. November 1989 nach der Öffnung eines Teiles der deutsch-deutschen Grenzübergänge am Grenzübergang Rudolphstein in den Westen.dpa/Frank Leonhardt

Wie sah die Freiheit für 17 Millionen Ostdeutsche nach 1989 aus?

Doch wie sah diese Freiheit dann aus? Was war möglich, nach dem Fall der Mauer? Unvergessen sind die ängstlichen Gesichter der Angestellten unzähliger volkseigener Betriebe und Kombinate. Frauen und Männer, die in floralen (Frauen) und blauen (Männer) Dederonkitteln sofort verstanden, was es bedeutet zu bangen.

„Was soll nun werden?“, war die Frage, die sich fast 17 Millionen Menschen vom 9. November 1989 an gefragt haben. Eine Antwort hatte niemand. Viele von ihnen hatten Vorschläge, wie diese Freiheit nun zu gestalten sei. Wie aus der DDR ein freies Land werden könnte.

Zugehört hat kaum einer, umgesetzt wurde nichts. Wer das nicht glaubt, muss nur in den Lebenslauf und in die Vorschläge der letzten Wirtschaftsministerin der DDR Christa Luft blicken. Was frei sein bedeutet, wurde plötzlich von außen bestimmt.

Wir spazieren durch die Wälder hinter dem Schloss Wiepersdorf, meine Mutter rennt vor, pflückt Pilze, die sie dann wieder ins Moos legt, weil sie sich fürchtet, Giftpilze geerntet zu haben. Mein Vater und ich spazieren nah beieinander und diskutieren genau diesen Freiheitsbegriff. Es ist ein schönes Gespräch, weil er von diesen zwei Systemen berichten kann, weil er Vergleiche zieht. Weil er ein Linker ist, der sich im Heute wohl fühlt und nicht die DDR wiederhaben will.

„Was bedeutet für dich Freiheit“, frage ich ihn. Und er denkt nicht lange nach. „Alles, was mich im Kleinsten betrifft“, sagt er. „Ob es dir, deiner Mutter oder deinem Bruder gut geht“, sagt er. Und erklärt: „Alles darüber hinaus ist viel zu diffus.“ Dann hebt er eine Kastanie vom Boden auf, gibt sie mir und sagt: „Eine Wiepersdorfer Kastanie, ein Andenken an die Zeit früher. Als wir hier, im Schloss, noch übernachten durften.“

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