Fußball und Moral: Was tun, wenn das WM-Fieber steigt?

Bedingungslose Freude war gestern. Die Weltmeisterschaft in Katar wird begleitet von der Frage: Darf man das? Eine Entscheidungshilfe.

Das Khalifa-Stadion in Doha/Katar, Austragungsort der WM.
Das Khalifa-Stadion in Doha/Katar, Austragungsort der WM.AP

Bald spielen sie wieder, und angesichts des klima- und menschenrechtspolitisch umstrittenen Austragungsortes und Gastgebers ist es zweifellos angebracht, in sich zu gehen mit der Frage, wie viel Aufmerksamkeit man dem Spektakel Fußballweltmeisterschaft zum Ende des Jahres widmen mag. Wobei schon der moralische Ton verdächtig ist, mit dem sie dieser Tage von beinahe allen Medien aufgeworfen wird.

Soll man, darf man zusehen, wie Müller, Musiala und Co. sich am Persischen Golf um fußballerische Normalität bemühen, obwohl bei diesem Sportereignis nichts normal und beinahe alles anders ist im Vergleich zu den vorangegangen Kräftemessen ballspielender Nationen? Der Darf-man-das?-Modus hat sich in Medien und Gesellschaft zu einer beliebten Form gehobener Unterhaltung entwickelt, in der die Ja-Nein-Antworten das zögerliche „weiß nicht“ und „vielleicht“ umgehend diskreditieren. Wer Legitimität zum Thema macht, spricht aus einer Position moralischer Überlegenheit, vor der die artig Antwortenden beinahe zwangsläufig in Verlegenheit geraten. Auf diese Weise wird in den öffentlichen Sprachspielen beinahe alles auf Eindeutigkeit getrimmt, obwohl die gesellschaftliche Wirklichkeit doch von Ambivalenz und Unentscheidbarkeit geprägt ist.

Die Fifa, eine „strukturkorrupte Organisation“

Das Beispiel Katar indes scheint nur so vor politischer und sozialer Evidenz zu strotzen. Ein autoritärer Staat setzt seinen aus fossilen Ressourcen hervorgegangenen Reichtum ein, um sich dauerhaft Prestige und Macht zu sichern, nicht zuletzt unter jegliche Rechtsnormen unterschreitende ausbeuterische Beschäftigung von Wanderarbeitern aus Nepal und anderswo. Gerade hier wäre zu lernen, wie Religion, ständische Herrschaft und ökonomischer Einfluss gerade auch jene Welt dominieren, die nicht selten im Gestus wohlfeiler Befreiungsrhetorik unter dem Begriff Globaler Süden firmiert. Unterdrückung wird nicht überall gleich so genannt.

Eindeutig hingegen ist die Rolle, die der Weltfußballverband Fifa eingenommen hat, den der Sportjournalist Christoph Biermann in seiner soeben erschienen „Wahren Geschichte des modernen Fußballs“ als strukturkorrupte Organisation bezeichnet. Es sei eben nicht nur das Versagen Einzelner gewesen, die dafür gesorgt hätten, dass die Fußball-WM 2022 in der Wüste des Emirats Katar stattfindet. Vielmehr zeige sich hierin das Ergebnis eines sogenannten Nation-Brandings, über das sich Katar mithilfe des Fußballs erfolgreich auf die politische Weltkarte zu setzen versucht. „Im Strudel der Milliarden“, schreibt Biermann, „und der völligen Abwesenheit von so etwas wie einem moralischen Kompass offenbarte sich die Fifa nicht einmal mehr als ,schwacher Staat‘, sondern als ,failed state‘. Der Weltfußballverband war komplett dem Rausch des Geldes verfallen.“

Garniert wird die Hingabe an den Rausch mit ein wenig simuliertem Problembewusstsein, das uns in seiner aufdringlichsten Form in den Sorgenfalten des deutschen Teammanagers Oliver Bierhoff begegnet. Er und seinesgleichen haben gelernt, dass man mit der wohlfeilen Behauptung, Fußball und Politik seien streng voneinander zu trennen, nicht mehr durchkommt. So wird DFB-Präsident Bernd Neuendorf nicht müde zu betonen, dass er den WM-Gastgeber aufgefordert hat, einen Entschädigungsfonds für ausländische Arbeiter in Katar einzurichten. Jetzt, wo kurz vor Beginn der WM jegliche Boykottdiskussion abgeebbt ist, bleibt Zeit für ein bisschen Beschwichtigungshygiene.

Ambivalenz und Haltung

Schaut man sich die Lage Katars auf der geopolitischen Weltkarte an, so machen sich gemischte Gefühle breit, hinter die die Politik nicht zurückkann. Vor dem Hintergrund einer sich weltweit völlig neu sortierenden Energieversorgung wird offenbar, dass es eine Politik reiner Werte nie gegeben hat. Schon die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 an Deutschland wäre ohne die Unterstützung Katars nicht möglich gewesen, und seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine gilt die Zusammenarbeit mit problematischen Energielieferanten als kleineres Übel. Selbst wenn die Formel vom Wandel durch Handel als gescheitert angesehen werden muss, bedeutet dies nicht das Ende jeglicher Interessenspolitik, wie schmuddelig sie auch erscheinen mag. Nicht nur Bundeskanzler Scholz wird es so schnell wie möglich darum gehen müssen, aus der quälenden Ambivalenz neue Haltung zu gewinnen. Wer unerschrocken den Spielen von Katar zusieht, muss den Verstand nicht ausschalten. Fußball wird ja gerade deswegen geliebt, weil es ihm durch das Ergebnis gelingt, Eindeutigkeit auch dort herzustellen, wo es sie nicht gibt.