Manchmal hört man seltsame Dialoge. Etwa diesen hier, in der Muckibude aufgeschnappt: „Hallo, könnt ihr mich heute an der E 4/5 einweisen, wegen der Rotatorenmanschette? Ich würde gern was gegen mein Impingement machen.“ – „Okay, also die Rotatoren, gerne. Das kriegen wir hin!“ Der Dialog ist ein Beweis für die Tatsache, dass man kein Alien sein muss, um nichts zu verstehen.

Mein innerer Berliner würde die Szene so erklären: „Also, da kommt ’n Typ inne Muckibude. Der hat ’ne Verengung inne Schulta, jenannt Impinschmänt. Kommt aus’m Englischen und tut janz schön weh. Der Typ will an ’de Muckimaschine E 4/5 träniern. Und zwar janz bestimmte Muckis rund um de Schulta, die sich Rotatorenmanschette schümpen. Und wenn all die Muckis da oben stärka werden, soll sich ooch dit doofe Impinschmänt vaziehn.“ Na also!

Mit dem Verb zwischen den Zähnen wieder aufgetaucht

Nach dem kleinen Muckibuden-Dialog ist mir der Gedanke gekommen, dass die ganze Gesellschaft aus solchen Insider-Blasen besteht. Wenn ich in die Schaltzentrale eines Atomkraftwerks, in einen Flughafen-Tower, ein Chemie-Labor oder eine Jugendgang gerate, verstehe ich gewiss kaum ein Wort.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Harmsens Welt

Immer an dieser Stelle: „Berliner Zeitung“-Kolumnist Torsten Harmsen.

Zu den Insider-Blasen kommt noch der Hang, die Dinge zu verkomplizieren. So schrieb mir eine Leserin neulich, dass sie Bandwurmsätze hasse, auch Schachtelsätze genannt. So etwas liest man ja im Deutschen recht oft.

Auf der Suche nach Beispielen bin ich auf den alten amerikanischen Autor Mark Twain gestoßen. Der liebte übrigens Berlin sehr. Er nannte es tatsächlich „ein leuchtendes Zentrum der Intelligenz“ („luminous centre of intelligence“). Na gut, er war Satiriker. Und „intelligence“ steht ja auch für Geheimdienst. Aber das nur am Rande.

Mark Twain hat das bekannte Bild vom deutschen Autor geprägt, der sich in einen Satz stürze, wonach man lange nichts mehr von ihm sehe, „bis er auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans mit dem Verb zwischen den Zähnen wieder auftaucht“. Ja, wenn überhaupt.

Manchmal kommt man gar nicht erst bis ans Ende

Twain schrieb nämlich auch: „In einer deutschen Zeitung setzen sie ihr Verb drüben auf der nächsten Seite hin; und ich habe gehört, dass sie manchmal, wenn sie eine oder zwei Spalten lang aufregende Einleitungen und Paranthesen dahergeschwafelt haben, in Zeitnot geraten und in Druck gehen müssen, ohne überhaupt bis zum Verb gekommen zu sein.“ Auch dies ist ein Schachtelsatz.

Die oben geschilderte Muckibuden-Szene als Schachtelsatz würde sich etwa so anhören: „Ein Mann, der unter einem Schulter-Problem, das sich Impingement nennt, leidet, kommt in eine Muckibude, in der eine Maschine namens E 4/5, auf der man ganz bestimmte Muskeln, die für die Schulter wichtig sind und die sich Rotatorenmanschette nennen, trainieren kann, steht, um etwas Wirkungsvolles gegen die Schmerzen, die ihn, ausgelöst von der Verengung, die sich Impingement nennt, plagen, zu tun.“

Das ist Deutsch, wie es Mark Twain liebte. Und wie es sich oft noch findet – in den Büros, Medien und Managementetagen dieses Landes. Ich sammle übrigens gern weitere Beispiele!