Früher in Rente gehen: Heraus aus der Kampfzone der Effizienzreligion!

Immer mehr Arbeitnehmer streben trotz finanzieller Einbußen vorzeitig in die Rente. Was ist da los? Ein Erklärungsversuch.

Pendler auf dem Weg zur Arbeit.
Pendler auf dem Weg zur Arbeit.imago stock&people

Hecker hatte sich vor diesem Tag gefürchtet, heißt es in dem 2015 erschienenen Buch „In Rente“, „aber dass es so schlimm kommen würde, das hatte er nicht geahnt.“

Hecker ist das Alter Ego des Berliner Journalisten Wolfgang Prosinger, der sich in seinem Sachbuch-Bestseller mit der Schockerfahrung auseinandersetzt, auf das Ausscheiden aus dem Berufsleben und den Eintritt in die Rente völlig unvorbereitet gewesen zu sein.

Aber plötzlich ist es da, das unumkehrbare Datum, und alle Tricks, es zu verdrängen, fruchten nicht. Zu lange hat man die Briefe der Rentenversicherung, durch die Beitragszahler über den zu erwartenden Rentenbetrag informiert werden, als etwas ignoriert, das nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat. Obwohl die Indizien des Älterwerdens nicht länger zu übersehen sind, hat fortan die Stunde der Kulturtechniken des Aufschiebens geschlagen. Die Schübe aus Koketterie und Verlegenheit nehmen zu, und wenn es die körperliche Fitness erlaubt, mangelt es nicht an Gelegenheiten, es allen noch einmal so richtig zu zeigen. Was die Jungen an Ehrgeiz und Chuzpe aufzubieten haben, machen Ältere durch Erfahrung wett – wäre doch gelacht.

Lieber früher als später den Job quittieren

Wolfgang Prosingers Buch enttarnt die Haltung des stoischen Weitermachens bis zum bitteren Renteneintritt als grandiosen Selbstbetrug und gibt Ratschläge, es besser zu machen. Für ihn selbst kamen die Einsichten leider zu spät. Er starb kaum ein Jahr, nachdem sein amüsantes wie hilfreiches Buch für Altersgenossen erschienen war.

Aber vielleicht ist Prosingers Hecker inzwischen viel weniger typisch als es scheint. In Deutschland gehen, so hieß es kürzlich in den Nachrichten, immer mehr Menschen trotz finanzieller Einbußen früher in Rente. Aktuellen Berichten zufolge stieg die Zahl im vergangenen Jahr um fast neun Prozent. Laut Angaben der Deutschen Rentenversicherung wurden 2021 rund 211.000 neue Altersrenten gekürzt – fast jedes vierte Altersgeld. Im Klartext bedeutet dies, dass immer mehr Altersgeldberechtigte lieber früher als später ihren Job quittieren. Irgendetwas muss sich verändert haben, seit Wolfgang Prosinger den Trend beschrieb, den Rente genannten Anspruch auf bezahlte Altersruhe so weit wie möglich von sich zu weisen.

Was ist aus der Senioritätsphase geworden?

Ein Motiv für den betrieblichen Exodus mag im weitgehenden Verschwinden der Senioritätsphase liegen. So nennen Soziologen den Abschnitt einer Arbeitsbiografie, in der die Jungen ihre Aufgaben womöglich anders und schneller verrichten, die Alten jedoch über hinreichendes Know-how und Erfahrung verfügen, in das zu investieren sich für die Arbeitgeber trotz der Gefahr enervierender Besserwisserei weiter lohnt. Leider taucht die Ressource, die man als das Gedächtnis eines Betriebes bezeichnen kann, in den Benchmarks der Managements so gut wie nicht auf. Vielmehr wissen Arbeitnehmervertretungen ein kämpferisches Lied darüber anzustimmen, wie negativ sich die Verdichtung von Arbeitsabläufen auf das Betriebsklima auswirkt. Die Verknüpfung von betrieblicher Routine und innovativer Alertheit scheint kaum noch zu gelingen.

Es ist bei allen Möglichkeiten minutiöser Messbarkeit von Arbeitsprozessen kaum mehr als ein Gerücht, dass die Erfolge eines Unternehmens eben auch aus dem Geschwätz in den Pausen hervorgehen. Was einmal unter dem Stichwort „lean management“, das Setzen auf Vertrauen und flache Hierarchien, favorisiert wurde, ist seit geraumer Zeit einer Effizienzreligion gewichen, die allenfalls das kollegiale Du übrig gelassen hat. Unter dem Regime der zwei großen C, Controlling und Compliance, die ergänzt werden durch eine notwendige Achtsamkeit gegen verschiedene Formen der Diskriminierung, ist der Arbeitsplatz vielfach zu einer Kampfzone von Beobachtung und Gegenbeobachtung geworden, der zu entkommen inzwischen als neidbesetztes Privileg der Alternden angesehen wird. Überflüssigerweise haben Floskeln wie jene über weiße alte Männer dazu beigetragen, dass selbst die Generation der Boomer, die einmal damit geliebäugelt hat, nicht erwachsen werden zu wollen und auf Führungsaufgaben lieber zu verzichten, inzwischen mit einer Ungeduld junger Kollegen konfrontiert wird, die den Arbeitsplatz als eine Hinterbühne unguter Gefühle erscheinen lassen.

Der Verzicht auf ein paar Euro jener Rentenzahlung, mit der man ohnehin hart an der Armutsgrenze navigiert, ist in dieser Rechnung kein zählbares Gegenargument. Noch einmal bietet sich mit 62 plus die Chance, das Leben so leicht zu nehmen, wie man es immer gesehen hat. Also lieber früher als später auf in das Elend drohender Bedeutungslosigkeit.