„Warum kann es nicht endlich Frieden zwischen Israel und den Palästinensern geben? Israel sollte alles daran setzen, den Nahostkonflikt zu beenden. Wollen wir nicht alle dasselbe: Frieden?“

Mit diesen Worten wurde ich vor wenigen Tagen von einer deutschen Touristin in Israel begrüßt. Diese wenigen Worte, die ich auf ähnliche Weise schon Hunderte Male zu hören bekommen habe, bringen auf den Punkt, wie verzerrt die deutsche Sichtweise auf den Nahen Osten und den sogenannten Nahostkonflikt ist.

Auch wenn diese Herangehensweise an den Nahen Osten und „den Nahostkonflikt“ sehr weit verbreitet ist, macht es sie nicht richtig. Im Gegenteil.

Das Schicksal der Palästinenser ist interessant

Vier Generationen nach dem Holocaust ist es höchste Zeit, über den deutschen Tunnelblick auf den Nahen Osten, der selbstverständlich maßgeblich durch die bittere Vergangenheit Deutschlands und der Juden geprägt und beeinflusst wurde, zu sprechen.

Die Frage ist: Warum sind so viele Deutsche so Feuer und Flamme und sofort am Thema interessiert, wenn es um „den Nahostkonflikt“ geht, während es kaum jemanden juckt, dass Menschen rings um Israel, unter anderem im Jemen, Irak, Iran, Libanon, in Syrien, täglich misshandelt, vergewaltigt, unterdrückt und ermordet werden? Warum interessiert das Schicksal der Palästinenser die Deutschen offenbar so viel mehr als das Schicksal anderer Menschen im Nahen Osten?

Dabei sind die Palästinenser genau so Muslime und genau so Araber wie die Bewohner von mehr als 20 Staaten um Israel herum, in denen die Lebensumstände oftmals äußerst problematisch sind, ja, oftmals um einiges problematischer sind als die der Palästinenser.

Doch all die anderen Völker, Staaten und ihre Probleme und Konflikte sind etwas anderes und eben nicht der sogenannte Nahostkonflikt und spielen deshalb eine weniger zentrale Rolle im Bewusstsein vieler Deutscher. Und genau das zeigt, wie präsent die bittere Vergangenheit in Deutschland nach wie vor ist, selbst bei jungen Menschen.

Ist Israel schuld, wenn es keinen Frieden im Nahen Osten gibt?

Natürlich geht es nicht wirklich um die Palästinenser. Warum sollte es um sie und nicht zumindest gleichzeitig um Jemeniten oder Irakis gehen?

Wenn es um die Palästinenser gehen würde, dann sollte man doch zumindest wissen, wer sie sind, oder etwa nicht? Doch kaum jemand kennt schließlich mehr als zwei Namen von palästinensischen Politikern, Schriftstellerinnen, Sängern, Journalisten oder Künstlerinnen.

Wenn die deutsche Touristin mich darum bittet, dass Israel alles daran setzen sollte, „den Nahostkonflikt“ zu beenden, dann steht anhand ihrer Fragestellung schon fest, dass sie Israel, den einzigen jüdischen Staat in der Region, für schuld daran hält, dass es keinen Frieden im Nahen Osten gibt. Es liegt, so ist ihre Einstellung, an Israel, „dem Nahostkonflikt“ ein Ende zu setzen.

Dabei herrschen überall um Israel herum Konflikt, Terror und Krieg. In den allermeisten Fällen handelt es sich um Konflikte zwischen Muslimen. Wie auch nicht, wenn in weit mehr als 90 Prozent des Nahen Ostens Muslime leben?

Für Propagandazwecke missbraucht

Es gibt nämlich nicht einen Nahostkonflikt, sondern viele parallel laufende Nahostkonflikte. Schiiten gegen Sunniten. Türken gegen Kurden. Araber gegen Perser. Muslimbrüder gegen Verbündete des Westens. Dschihadisten gegen alle.

Israel und auch die Palästinenser spielen in all diesen Konflikten, die den Nahen Osten beschäftigen, in der Regel keine Rolle. Hin und wieder kommt es dazu, dass die eine oder andere Partei, also Israel oder die Palästinenser, doch namentlich genannt werden, dann aber in der Regel nur, weil sie für eigene Propagandazwecke missbraucht werden.

Was also würde geschehen, falls Israel und die Palästinenser doch Frieden schließen sollten? Weniger als manch ein Träumer sich einbildet und erhofft. Denn für all die oben geschilderten Nahostkonflikte und viele weitere würde sich in ihrem bewaffneten und zu allem bereiten Streben für die Vorherrschaft ihrer Ausrichtung im Islam, ihrer ethnischen Gruppe, ihrer Organisation nichts ändern.

Für Deutsche, die im Nahen Osten in der Regel in erster Linie Israel wahrnehmen und beobachten, geht es weder um die Palästinenser noch wirklich um andere Muslime im Nahen Osten.

Es geht um die Juden und ihren Staat. Und, nach wie vor, um die deutsche Vergangenheit.


Arye Sharuz Shalicar, geboren in Berlin, ist ein deutsch-persisch-israelischer Politologe, Schriftsteller, ehemaliger Berater des israelischen Außenministers und offizieller Sprecher der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF). Im Oktober erscheint von ihm „Schalom Habibi. Zeitenwende für jüdisch-muslimische Freundschaft und Frieden“.

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