Unesco-Liste: Ist das Baguette ein Fall kultureller Aneignung?

Das französische Stangenweißbrot steht nun auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Und? Wer hat es erfunden?

Der französische Präsident Emmanuel Macron mit dem Nationalgebäck
Der französische Präsident Emmanuel Macron mit dem NationalgebäckAFP

Wie der Geschmack eines in Tee getunkten Schmelzbrötchens ein Stück Weltliteratur auszulösen vermag, führt der französische Schriftsteller Marcel Proust in seinem Großwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vor. Die süßen Madeleines gelten als Katalysator des gesamten Romans. Das auf der Zunge zergehende Gebäck kann als das weiche Gegenstück zum französischen Baguette angesehen werden, das hierzulande auch unter dem schnöden Namen Stangenweißbrot bekannt ist. Zum Genuss bedarf es eines feinen Gespürs für grobe Porung sowie eines gesunden Kauwerkzeugs. Wer über beides verfügt, wird sich darüber freuen, dass es das Baguette nun in die von der Unesco geführte Repräsentativliste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit geschafft hat.

Mehr Chancen für schmackhafte Hybride

Es befindet sich damit in der Nachbarschaft der deutschen Apfelweinkultur, des Brieftaubenwesens und der Trakehner Pferdezucht. Was unter den Stichworten Sitten und Gebräuche ein eher belächeltes und vernachlässigtes Dasein fristet, soll durch das Unesco-Verzeichnis ausdrücklich bewahrt und geadelt werden. Sie gelten auch jenseits der gewöhnlichen Verdauungsvorgänge als durch Tradition verbürgte Anker nationaler Identität. Wobei nationale Reinheitsgebote für die Nominierung keine Voraussetzung darstellen.

Das Baguette ist denn auch ein klarer Fall von kultureller Aneignung. Auch wenn die sogenannte „flute“ bereits als Vorläufer des Baguettes angesehen werden kann, machte das Baguette in Paris ab 1840 als Wiener Brot (pain viennoise) Karriere, das der Wiener Bäcker August Zang in seiner Boulangerie Viennoise anbot. Zang soll auch das Croissant erfunden haben. Obwohl die Aufmerksamkeit für die Unesco-Liste entlang regionaler und nationaler Einreichungen verläuft, belegt die Nominierung des Baguettes doch auch, dass schmackhafte Hybride nicht chancenlos sein müssen.