„Jepinkelt wird immer“: Volksschauspieler Ralf Wolter ist tot

Als Sam Hawkens aus den Karl-May-Verfilmungen wurde er berühmt. In hunderten Rollen spielte er den ewigen Witzbold. Nun ist Ralf Wolter mit 95 gestorben.

Der Schauspieler Ralf Wolter (1926–2022)
Der Schauspieler Ralf Wolter (1926–2022)dpa

Wer in seinen jungen Jahren einigermaßen unfallfrei den Namen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah aufsagen konnte, signalisierte damit, dazugehören zu wollen – zu was auch immer. Der orientalisch anmutende Singsang war der vollständige Name eines Begleiters der Karl-May-Figur Kara Ben Nemsi, noch eine dieser zuletzt unter den Verdacht auf kulturelle Aneignung geratenen mythisch-literarischen Figuren.

Der von Ralf Wolter geprägte Hadschi Halef Omar war ein Witzbold, ein Sidekick, dessen Aufgabe in den Winnetou-Filmen nicht zuletzt darin bestand, das dräuende Männer- und Blutsbrüder-Pathos zu brechen. Was bleibt einem kleinen Mann mit Glatze, so wird sich der 1926 in Berlin geborene Ralf Wolter gedacht haben, anderes übrig, als die eigene Gewöhnlichkeit zur Karikatur zu verfeinern.

Ralf Wolter hat in den fast 70 Jahren seiner schauspielerischen Laufbahn das Kunststück fertiggebracht, die Nebenfigur zur Hauptaufgabe seiner Leinwandpräsenz zu machen. Hunderte von Kurzauftritten waren sein Geschäft, auf diese Weise wirkte er in Dutzenden Klassikern der Filmgeschichte mit, etwa als russischer Agent in Billy Wilders Berlin-Komödie „Eins, zwei, drei“ oder in den Wolfgang-Neuss-Filmen „Das Wirtshaus im Spessart“, „Wir Kellerkinder“ und „Wir Wunderkinder“. Wolter war ein altersloser Tausendsassa des deutschen 50er-Jahre-Kinos, über das Kurt Scheel, der Herausgeber der Zeitschrift Merkur einmal gesagt hat: „Wenn die 68er-Revolte nicht gekommen wäre, hätte es einen Aufstand der Kinogeher gegeben.“

„Wenn ich mich nicht irre, hihihi“

Das war natürlich eine scharfe Kritik an der quälenden Langeweile und Biederkeit des deutschen Films, der mit Musicals und Heimatfilmen fast alles unterlief, was man von Hollywood hätte lernen können. Ralf Wolter bewegte sich darin als argloser Parodist der Verhältnisse, die er, wenn er sie schon nicht ändern konnte, wenigstens auf die Schippe nehmen wollte.

Er tat dies mit einprägsamen Redewendungen, die über die Rollen hinaus zu geflügelten Worten der Filmgeschichte wurden. So ging aus „Wir Wunderkinder“ der markante Spruch des Toilettenmanns hervor: „Jepinkelt wird immer.“ Seine zweite Rolle neben Hadschi Halef Omar war in den Karl-May-Verfilmungen die des Sam Hawkens (manchmal auch Hawkins), der noch am Marterpfahl bereit war, seinen Skalp zu verwetten; eine Szene, in der er seinen Mangel an Haupthaar ausspielte. Der stereotyp wiederholte Satz „Wenn ich mich nicht irre, hihihi“ deutete seine Verschlagenheit an, mit der er stets auch an der Grenze zum Irrsinn navigierte. Wann immer Ralf Wolter für einen kurzen Augenblick auf der Leinwand oder dem Bildschirm erschien, war dies für den Zuschauer das Signal, die Handlung selbst dann nicht allzu ernst zu nehmen, wenn es brenzlig wurde.

Ralf Wolter als Sam Hawkens, oder Sam Hawkins?
Ralf Wolter als Sam Hawkens, oder Sam Hawkins?dpa

Eine seiner wenigen Hauptrollen spielte er 1967 in dem Film „Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche“. Der Film von Werner Jacobs, in dem Wolter den Kuhhirten Krischan spielt, galt als erste deutsch-deutsche Koproduktion, wurde von der DDR-Kritik aufgrund fehlenden Tiefgangs aber eher naserümpfend betrachtet. Trotz des sozialkritischen Hintergrunds der Romanvorlage von Ehm Welk aus dem Jahr 1937 wurde der Film dem Heimatgenre zugeschlagen.

Eine Prise Blödsinn für das große Kino

Es mag beinahe eine Randnotiz sein, dass Ralf Wolter auch einen kleinen Part in Bob Fosses Welterfolg „Cabaret“ mit Liza Minelli, Michael York und Helmut Griem hatte. Es ist aber mehr als bezeichnend für seine Karriere, dass er stets in der Lage war, große Produktionen durch eine kleine Prise Blödsinn zu veredeln. Sein Hang zu selbstverordneter Leichtigkeit vermochte ein tragisches Ereignis nicht abzuwenden. 2002 verursachte er einen Autounfall mit Todesfolge, wegen Fahrerflucht wurde er zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Zuletzt war er 2012 in der Komödie „Bis zum Horizont, dann links“ an der Seite seiner großen Kollegen Otto Sander und Angelica Domröse sowie Herbert Feuerstein zu sehen, einem Bruder im Geiste. Nun ist Ralf Wolter im Alter von 95 Jahren in München gestorben.