Bei dem Prozess „John C. Depp II. vs. Amber Laura Heard“ ging es nie nur um die Frage der Meinungsfreiheit oder der Missbrauchsopfer. Auch wenn das auf den ersten Blick so erschien: Heard hatte 2018 in der Washington Post einen Artikel veröffentlicht, in dem sie sich als Opfer häuslicher Gewalt beschrieb und Depp zwar nicht namentlich genannt, zu ihm aber eindeutig eine Verbindung hergestellt. Der Mann verklagte sie daraufhin wegen Verleumdung auf 50 Millionen Dollar Schadenersatz, die Frau antwortete ihm mit einer Gegenklage über 100 Millionen Dollar.

Das war der Auftakt zu einem Spektakel sondergleichen. Die einstigen Eheleute galten mal als Hollywoods schrägstes Traumpaar und der Prozess vor dem Gericht in Fairfax versprach seinem Publikum fette Beute: Wie verlockend war das jüngste Gerücht vor Gericht, all die Details einer toxischen Beziehung. Zu einem weit über den sensationslüsternen Boulevard hinausweisenden Menetekel wurde das Verfahren allerdings, weil es fernsehöffentlich als Schlammschlacht ausgetragen und in den sozialen Medien als eine Art Hexenprozess fortgeführt wurde.

Am Schluss waren die Missbrauchsopfer egal

Diese Entwicklung ist in verschiedener Hinsicht bedenklich. Allgemein deswegen, weil das eigentliche, in jeder Hinsicht wichtige Thema des sexuellen, körperlichen wie seelischen Missbrauchs in den Hintergrund geriet. Ebenso wie auch, dass hier ein Gericht mit allen rechtsstaatlichen Mitteln – und allen Fernsehkameras des Court TV zum Trotz – versucht hat, ein ordnungsgemäßes Verfahren zu gewährleisten. Stattdessen wurde der Gerichtssaal zur globalen Showbühne. Entertainment ersetzte Gerechtigkeit: Wer macht vor Gericht die beste Figur?

Nicht minder bedenklich als Rechtsstaat oder Rechtspflege ist aber noch etwas anderes: Ganz gleich, ob Amber Heard nun schuldig oder unschuldig im Sinne der Anklage ist, bedeutet ihr Fall einen schweren Rückschlag für die MeToo-Bewegung. Denn wenn sie tatsächlich wahrheitsgemäß über erlittene Gewalt berichtet haben sollte, dann wurde ihr vor Gericht nicht geglaubt. Und wenn sie aus welchen Gründen auch immer gelogen hat, sei es aus Geltungsdrang oder Geldnot, dann hat sie allen Opfern häuslicher Gewalt, allem Missbrauchsopfern einen Bärendienst erwiesen.

Die eklig-gruselige Schande bleibt in der Welt

Und so ist auch einigermaßen unerheblich, ob Heard nach dem Urteil zu ihren Lasten jetzt in Berufung geht, weil sie immer noch ihre Würde retten muss, oder ob Depp ihr die Schadensersatzsumme von über zehn Millionen Dollar erlässt, weil er doch stets nur seinen guten Ruf retten wollte: Aus dem Verfahren von Fairfax sind alle beschädigt hervorgegangen. Das ist der private, allemal tragische Kollateralschaden des Streits. Denn weder Heard noch Depp wird die nun welt- und  gerichtsöffentlich geschilderten Szenen ihrer Ehe jemals gänzlich wieder abschütteln können …

Vollrausch und Erbrochenes, abgeschnittenes Fingerkuppen, Fäkalien auf der Bettdecke, entwürdigende Beschimpfungen – die ganze eklig-gruselige Schande ist nun in der Welt. Und wird dort bleiben. Und wird, das vor allem, auf der MeToo-Bewegung lasten, sie desavouieren. Wird die Täter und Ewiggestrigen möglicherweise frohlocken, die Opfer aber zurückschrecken und schweigen lassen. Nach Fairfax gibt es nur Verlierer.