Der Täter von Wermelskirchen, Marcus R., hat zwölf Kinder sexuell missbraucht, mehr als 14 Jahre lang. Er arbeitete als IT-Experte, Fotograf und bot sich nebenbei als Babysitter an. Tausendfach hat er außerdem kinderpornografisches Material hergestellt, gesammelt und geteilt.

Die Taten sind so grausam, dass alle, die in der Strafrechtspflege damit zu tun haben, Mühe haben, die Fassung zu bewahren. Blasse Ermittler stehen vor den Kameras. Und später werden es, neben vielen anderen, die Mitarbeiter des Gefängnisses oder der Klinik sein. Wer so genau hinsehen und hinhören muss, kommt nicht ohne Schaden davon. Man nennt es sekundäre Traumatisierung. Hilflos schaut man auf die Szenen, sieht die Kinder mit Schmerzen ringen, schreien, und man kann nichts tun. Eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Horror besteht dann darin, zu versachlichen. Die juristische Sprache anzuwenden, ist ein Schutz. Oder man kann seine Aufmerksamkeit umlenken, auf andere Aspekte dieser Welt.

Eine Möglichkeit besteht auch darin, dass man sich vorstellt, wie man den Täter hängt, vierteilt und langsam zu Tode foltert. Dieser starke Gewaltimpuls entsteht automatisch, ich hatte ihn hundertfach selbst. Die Gewaltfantasie ist ein Mittel gegen die eigene Hilflosigkeit, und zwar ein sehr schnell wirksames. Der Ruf nach schnellen, harten Strafen stammt daher. Es ist auch zu verführerisch. Wenn wir nur diesen bösen Menschen ausrotten, dann haben wir das Böse besiegt.

Sexueller Missbrauch kennt keine Schichtzugehörigkeit

Vor einiger Zeit passierte mir das, was ich zuvor nur aus Ermittlungsakten kannte. Eine Freundin von mir, kriminologisch erfahrene Psychologin, saß am Tisch beim Abendessen, und die Schulfreundin ihrer Tochter sagte: „Und dann zeigt der Papa mir immer seinen Penis, und ich darf den anfassen.“ Meiner Freundin fiel fast das Essen aus dem Mund. Das Mädchen knabberte schon lange stark an den Nägeln, war oft unruhig, nässte manchmal ein.

Es war derselbe Vater, der meiner Freundin angeboten hatte, auf ihre Tochter aufzupassen, natürlich allein. Und der das mehreren alleinerziehenden Müttern in der Schule immer wieder anbot. Ein Ingenieur, getrennt lebend, ein Kind, im Einfamilienhaus, gut situiert.

Wir beide, zwei erfahrene Akademikerinnen aus dem Metier, brauchten alle gemeinsame Kraft, um behördliche Vorgänge in die Wege zu leiten. Sie sprach die Schule an, das Jugendamt und die Mutter des missbrauchten Mädchens, auch andere Mütter. Meine Freundin wurde erst ignoriert, dann beschuldigt, beschimpft und bedroht. Auch von dem Mann, der ganz offensichtlich ein Täter war. Ein intelligenter, wortgewandter, offensiver Typ. Stundenlang haben wir durchgesprochen, was zu tun ist.

Wie der Trainer die Kinder unter der Dusche ansieht

Meine Freundin schaffte es am Ende, dass das Jugendamt tätig wurde, gegen viel Widerstand von Menschen im Umfeld des Täters: „Doch nicht dieser Mann!“, „Schauen Sie, er arbeitet, verdient das Geld“, „So ein sympathischer Kollege!“ Wenn diese Art von Tätern angesprochen werden, wehren sie sich. Sie bauen Druck auf, sie manipulieren, sie erklären alles und verdrehen alles ins Gegenteil. Und dagegen steht manchmal eben nur ein schlechtes Gefühl. Oder ein merkwürdiger Satz. Das Kind hatte den Penis des Mannes natürlich versehentlich berührt.

Viele Jahre zuvor stand ich im Flur der Umkleide eines Fußballvereins und sah im Augenwinkel, wie der Fußballtrainer die Jungs zum Duschen schickte. Ich drehte mich um, er stand an der Ecke der Dusche, und ich sah seinen Blick auf die nackten Kinder. Und dann sah er, dass ich es sah. Er wurde rot und huschte davon. Ich überlegte, ob ich mit dem Vorstand sprechen sollte, und ich entschied mich dagegen. Was hätte ich sagen sollen? „Er hat so komisch geguckt, wissen Sie, diesen Blick und das Schüchterne gegenüber erwachsenen Frauen, das kenne ich.“ Und konnte ich selbst meinem Eindruck trauen? Vielleicht irrte ich mich doch, auch wenn ich da schon eine Weile Expertin für Missbrauchstäter war. Ich vernichte womöglich die Existenz eines Menschen und mache mich unmöglich, denn ich kann ja nichts beweisen. Ich war zu schwach. Dieser Mann war mit Sicherheit ein Pädophiler, und sollte er auch ein Täter gewesen sein, trage ich mit an seiner Schuld.

Wenn das Umfeld der Opfer lieber schweigt

Missbrauchstaten, die über lange Zeiten begangen werden, sind immer eingebettet in ein System aus sozialen Beziehungen. Zwölf Kinder haben günstigenfalls 24 Eltern, mindestens 50 Lehrer und Erzieherinnen, dazu Freundinnen, Kollegen des Täters. Da kommen leicht Hunderte Menschen zusammen. Aus meiner Tätigkeit – der Lektüre von Ermittlungsakten, Gesprächen mit Opfern, Angehörigen und Tätern – weiß ich: Es gibt immer einige Personen im Umfeld der Opfer, die hatten ein schlechtes Gefühl und haben nichts gesagt. Um sich nicht unmöglich zu machen, um nicht den Menschen durch einen Verdacht zu diskreditieren. Und dann gibt es manchmal auch die, die etwas gesagt haben und nicht gehört wurden.

Es ist ein Märchen, dass andere Menschen einen Missbrauchstäter, der über Jahre in ihrem Umfeld Taten begeht, nicht wahrnehmen, also fühlen können. Ohne Beweis bleibt es aber erst einmal nur so ein Gefühl. Man kann sehr leicht darüber hinweggehen. Und solange alle darüber hinweggehen, hilft niemand den Opfern. Das gilt besonders, wenn die Täter intelligent und sozial kompetent sind. Sie verschleiern, reden sich heraus, greifen Erwachsene an, die etwas ahnen. Unter Umständen 14 Jahre lang.

Eine Mordfantasie am Tag ist gut für die seelische Gesundheit, Gedanken sind frei, dagegen ist nichts einzuwenden. Und wenn man die Täter hat, müssen sie bestraft werden. Das macht aber die Taten nicht ungeschehen. Verantwortung tragen wir alle. Wenn wir gleichzeitig auf unsere Intuition achten, im Zweifel Mut fassen, Verbündete suchen und das Problem ansprechen, wenn uns etwas merkwürdig vorkommt, dann betreiben wir Opferschutz. In der Nachbarschaft, bei Freunden oder Kollegen. Jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge wurden im Laufe des eigenen Lebens Opfer sexueller Gewalt. Täter können handeln, weil Menschen schweigen. Diese Taten passieren, gerade jetzt. Weil wir schweigen.

Seiner Intuition zu vertrauen, ist bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch kein Kinderspiel. Aber es ist das, was jeder von uns tun kann. Denn Täter müssen begrenzt werden. Im Gerichtssaal und später im Gefängnis wird das geschehen. Aber dann ist es für die Opfer zu spät.

Karoline Klemke arbeitet seit 20 Jahren in der forensischen Psychiatrie. Als Psychotherapeutin behandelte sie Schwerkriminelle im Maßregelvollzug, Gefängnis und in einer Straftäterambulanz und ist als kriminalprognostische Gutachterin tätig.

Wenn Sie einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch haben, wenden Sie sich an die Kinderschutzhotline Tel. 0800 19 21 000. In Berlin hat jedes Jugendamt einen Beauftragten für sexuellen Missbrauch, bei dem man sich – auch anonym – beraten lassen kann.