Wie kritisch soll WM-Berichterstattung sein? Das Beispiel Palina Rojinski

Die TV-Berichterstattung zur Fußball-WM aus Katar gibt sich diesmal betont kritisch. Wie war das eigentlich 2018 in Russland?

Die Schauspielerin Palina Rojinski war 2018 für die ARD bei der WM in Russland unterwegs.
Die Schauspielerin Palina Rojinski war 2018 für die ARD bei der WM in Russland unterwegs.Imago Images

Erinnern Sie sich an Palina Rojinski? Sie war 2018 eine Art WM-Botschafterin für die ARD. Für kleine Imagefilme bereiste die 1985 in Leningrad geborene Schauspielerin ihr Geburtsland, das sie mit ihren Eltern 1991 als sogenannte Kontingentflüchtlinge verlassen hatten. In Russland hatte Palina als Kind rhythmische Sportgymnastik betrieben, später wurde sie in dieser Disziplin zweimal deutsche Meisterin bei den Juniorinnen.

In den ARD-Clips stellte sie sich mit Charme und Ausstrahlung ganz in den Dienst zur Vermittlung der Landeskunde des damaligen WM-Gastgebers. Ein bisschen Folklore, mal mitten rein ins Klischee, mal knapp daneben. Sie fuhr mit echten russischen Männern Auto auf zwei Rädern durch einen Stunt-Park, und im Kreml forderte sie das Wachpersonal heraus, das auf der Trillerpfeife pfiff, nachdem sie für einen kurzen Moment eine Sperrzone betreten hatte. Solche Sachen.

Kess und artig zugleich verkörperte Palina Rojinski mit ihrem Herkunftssiegel das moderne Russland. Wie das wahrgenommen wurde, ließ sie sich von den Mitgliedern einer deutschen Reisegruppe bestätigen. Sie seien fasziniert, sagte eine ältere Frau. Man müsse alte Klischees abbauen. In einer anderen Szene spricht Palina Rojinski über Homophobie in Russland, diesbezüglich gebe es wohl Nachholbedarf. Sie jedenfalls wolle, dass die Liebe gefeiert werde, wohin sie auch falle. So oder ähnlich stand es wohl auch im Skript der ARD, Kritik ja, aber vorsichtig dosiert.

Palina Rojinski, die ARD und wir Zuschauer hätten wissen können, dass Russland bereits zu dieser Zeit ein ganz anderes Gesicht offenbarte. In der Ostukraine tobte seit langem ein Krieg, vier Jahre zuvor war ein Verkehrsflugzeug der Malaysia Airlines von prorussischen Separatisten abgeschossen worden. Die Verbindungen zu Russland sind inzwischen nachgewiesen. 298 Menschen starben.

Es wäre unfair, die Doppelmoral der 2018er-Berichterstattung am Auftreten von Palina Rojinski festmachen zu wollen. Mit ihrer Migrationsbiografie stand sie nicht zuletzt für das Versprechen eines menschenfreundlichen und postnationalistischen Universalismus. Temps perdu.

Der Blick auf Katar fällt ungnädiger aus. Reporter aller Couleur überschlagen sich geradezu mit Hinweisen auf die Ungleichbehandlung von Arbeitsmigranten, eingeschränkten Bürgerrechten und homophoben Einstellungen. Wobei man sich reserviert hält gegenüber der Einschätzung des Islamkritikers Ahmad Mansour, Katar sei die Hauptzentrale des politischen Islam. Kritik, so könnte man schließen, wird noch immer der Landeskunde untergeordnet.

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