Jetzt wird es langsam peinlich: Ist Karl Lauterbach noch twittertauglich?

Erst die Empfehlungen zum Alkohol, dann eine Löschung zur Silvesternacht und Ärgerliches zu Altenheimbewohnern: Der Gesundheitsminister scheint angeschlagen. 

Gesundheitsminister Karl Lauterbach beherrschte die sozialen Medien einst gut, nun erlaubt er sich immer öfter Fehler.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach beherrschte die sozialen Medien einst gut, nun erlaubt er sich immer öfter Fehler.dpa/Carsten Koall

Zugegeben: Auch ich habe mir einst Karl Lauterbach als Gesundheitsminister gewünscht. Allerdings eher aus der puren Verzweiflung heraus, da Jens Spahn zu diesem Zeitpunkt seinen Job so schlecht gemacht hat. Außerdem machte Lauterbach damals den Eindruck, sich selbst und die Fakten ganz gut im Griff zu haben und nicht ausgelastet zu sein. So oft und eloquent wie er damals bei Markus Lanz über Corona sprach, drängte sich der Eindruck auf, dass hier ein Gesundheitsexperte saß, der die aktuelle Studienlage überblickte und verstand und auch bereit war, die nötigen Schritte einzuleiten – im Gegensatz zum damaligen Gesundheitsminister. Das ist inzwischen anders.

Vor allem in den vergangenen Tagen und Wochen verschärft sich der Eindruck, dass Lauterbach um des Twitterns willen twittert und sich kaum noch darum schert, ob es richtig ist, was er schreibt oder auch sagt. Das ist für einen Minister bedenklich. 

Angefangen hat es spätestens mit seinem inzwischen schon berühmten Alkohol-Interview in der Bild-Zeitung kurz vor Weihnachten. Darin äußerte er sich zu maßvollem Alkoholkonsum, sagte aber dennoch: Ein Glas Bier oder Wein pro Tag sei gesund. Dies hätten neueste Studien ergeben. Fakt ist nur, dass das nicht stimmt. Gar nicht mal so neue, schon vor Jahren erschienene und auch aktuellere Studien haben nun mal leider ergeben, dass Alkohol ein Zellgift ist und schon in kleinsten Mengen schädlich. Vor allem für jüngere Menschen, die deshalb lieber gar keinen Alkohol trinken sollten. Nicht mal ein Glas am Tag. So leid es mir tut, daran ändert auch ein Minister via Boulevard-Verlautbarung nichts. 

Dass ausgerechnet ein Gesundheitsminister die Studienlage derart verdreht, ist schon bemerkenswert. Was will er damit bezwecken? Gemocht werden? Es kommt aber noch besser.

Zur Silvesternacht, in der vor allem in Teilen Berlins geradezu bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten und Einsatzkräfte in ungeahntem Ausmaß angegriffen wurden, twitterte Lauterbach wörtlich: 

„Eine Schande, dass eine kleine Gruppe von Chaoten gerade die Rettungskräfte angreift. Ich danke allen, die Verletzten und Kranken in dieser Nacht geholfen haben. Rücksichtslose Gefährdung der Rettungskräfte sollte ein Grund zur Kündigung der Wohnung sein.“

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Minister fordert öffentlich dazu auf, vermutliche Straftäter aus ihren Wohnungen zu schmeißen? Wie absurd soll es noch werden?

Natürlich ist es absolut empörend, was in der Silvesternacht passiert ist, und man kann den Einsatzkräften wie auch dem Pflegepersonal kaum verübeln, dass sie in Scharen den Beruf verlassen, wenn sie sich bei der Arbeit immer wieder in Gefahr begeben und dann auch noch beschimpfen und inzwischen derart angreifen lassen müssen. Allerdings ist das noch größere Problem für viele Einsatzkräfte die Bezahlung und die oft fehlende Wertschätzung nicht nur durch die Gesellschaft, sondern vor allem durch den Arbeitgeber. Und da hätte Lauterbach himself ja nun einiges mitzureden. 

Hätte er in diesem Punkt geschwiegen, wäre er vielleicht noch Philosoph geblieben. So aber hinterlässt der Tweet vor allem den Eindruck eines Bundespolitikers, der sich in Gesetzesmaßnahmen gar nicht mal so gut auskennt und dem es scheinbar auch egal ist, wie in Deutschland Recht und Gesetz zusammenhängen und dass es Grundrechte gibt. Die auch durch Straftaten nicht verwirkt werden. Vielleicht sollte er sich dazu mal bei seinem Amtskollegen Buschmann erkundigen? 

Auffällig ist, dass auch schon sein Vorgänger eher lax mit diesen lästigen Grundrechten zumindest theoretisch hantierte – und zwar ganz unabhängig von Corona, bereits vorher: Spahn hatte sich in seiner Amtszeit dafür eingesetzt, die Organspende wenn nicht zur Verpflichtung, dann doch wenigstens zur Regel zu machen. Am Ende lief es natürlich doch auf die Freiwilligkeit hinaus, weil in einem Rechtsstaat niemand einen anderen zwingen kann, seine Organe zur Verfügung zu stellen. Aber die Vehemenz, mit der Spahn damals darauf gedrungen hat, Bürger seien doch angehalten, sich auch nach ihrem Tod noch solidarisch zu zeigen, die war schon verblüffend. Weil sie eine verdrehte Sicht der Dinge präsentierte: Natürlich ist es wünschenswert, dass mehr Menschen sich zur Organspende melden – allerdings freiwillig. Die Debatte verärgerte damals auch viele Ärzte, zumal gerade erst ans Licht gekommen war, dass einige schwarze Schafe unter den Medizinern Krankenakten gefälscht haben sollen, um ausgewählte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen. 

In diesem Geist ist nun auch der Tweet des amtierenden Gesundheitsministers zu verstehen. Da werden Grenzen überschritten, die eigentlich niemals überschritten werden dürften, wenn man von der Kenntnis des Rechtsstaates und dem Geist unseres Grundgesetzes ausgeht. Ist das eine Gesundheitsminister-Krankheit, dass man sich mit dem Grundgesetz nicht so gut auskennt?

Und es geht noch ein Stück absurder, denn immerhin hat Lauterbach seinen Fehler wohl eingesehen oder wurde darauf von geeigneter Stelle aufmerksam gemacht, denn seinen Silvesternacht-Tweet hat er binnen kürzester Zeit gelöscht. Bisher nicht gelöscht hat er hingegen folgenden Tweet von Freitag, in dem er den Text einer Kollegin von T-Online lobt, die über ihre Erfahrungen mit ihrer Mutter im Altenheim über Weihnachten unter anderem geschrieben hatte: „Wenn dein Blick aufs Leben ein negativer ist, fällt dir das im Altenheim auf die Füße. Weil du es hier nicht mehr mit anderen Insignien (Macht, Jugend, Schönheit) kompensieren kannst. Dann bist du nur noch alt und böse. “ 

Lauterbach schreibt dazu: „Lesenswert. Entspricht auch meiner Beobachtung von vielen Besuchen in Pflegeinrichtungen in ganz Deutschland. Alter und Krankheit sind die ultimativen Gleichmacher. Es zeigt sich zum Schluss die Tragfähigkeit des Charakters.“

Wie bitte? Alte und Kranke sind dann wohl selbst schuld, wenn sie am Ende ihres Lebens stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen müssen und oft nicht mal in den Stunden ihres Todes eine angemessene Versorgung erhalten? Es ist also nicht der politisch herbeigeführte, weil seit Jahrzehnten vernachlässigte Pflegenotstand der Grund, wenn in Deutschland Alte und Kranke schlecht oder unzureichend behandelt werden, sondern es liegt an den Alten selbst, wenn sie im Pflegeheim nicht so gut zurechtkommen oder nicht oft genug besucht werden, weil sie vielleicht schwierige Charaktere sind oder waren?

Das schlägt dem Silvesterfass nun wirklich dem Boden aus. Wenn eine Journalistin ihre persönlichen Erfahrungen aus einer paar Tagen Altenheimbesuch twittert, ist das immer noch Ansichtssache, aber wenn ein Minister, und zwar ausgerechnet ein solcher, der für die Zustände in Heimen mitverantwortlich zeichnet, eine solche Relativierung der Verhältnisse öffentlich belobigt und die Zustände in viel zu vielen Heimen mit der Tragfähigkeit des Charakters ausgerechnet der diesen Umständen oft hilflos ausgelieferten Bewohner zuschreibt, dann ist das nicht mehr lustig. 

Ausgerechnet ein Lauterbach, der lange vor seiner Zeit als Gesundheitsminister mit dafür gesorgt hat, dass unser Gesundheitssystem derart auf Kante genäht ist, dass Pflegekräfte kaum noch finanzierbar sind, und der auch bei seiner groß angekündigten Krankenhausreform, wie es aussieht, wohl doch wieder nicht den Ausstieg aus diesem System gefunden hat – ausgerechnet dieser Karl Lauterbach fabuliert nun über Alten- und Pflegeheimbewohner, deren Charakter vielleicht nicht tragfähig genug für das angenehme Leben im Heim sei. 

Ein Gesundheitsminister muss wissen, dass es in den meisten Heimen hierzulande eben nicht zugeht „wie in der Schule“ (die Journalistin schreibt von „Freundschaft, Liebe, Lästerei“) – vor allem aufgrund des massiven Pflegenotstands –, dass die meisten Bewohner laut statistischem Bundesamt schwer kranke Patienten mit hohen Pflegestufen sind und dass die Überlebensrate etwa von Männern nach Umzug ins Heim im Schnitt bei nicht mal anderthalb Jahren liegt. 41 Prozent der männlichen Bewohner versterben dort schon in den ersten vier Monaten, die durchschnittliche Verweildauer sinkt seit Jahren. 

Aber ja, wie oft Menschen in Alten- und Pflegeheimen Besuch bekommen, hat natürlich auch damit zu tun, wie gut sie ihre Beziehungen gepflegt haben, als sie das noch konnten, getreu dem Motto: Sei lieb zu deinen Kindern, sie suchen später dein Altenheim aus. Doch diese schlichte Weisheit lässt sich keinesfalls auf alle Beziehungen ausweiten, auch vorbildliche Eltern bekommen teils keinen Besuch und es gibt umgekehrt teils furchtbare Eltern, deren Kinder sich trotzdem brav um sie sorgen. 

Die meisten übrigens zu Hause. Denn entgegen der medial so oft verkündeten Annahme, die Pflege spiele sich vor allem in Heimen ab, werden 80 Prozent der Pflegebedürftigen eben nicht im Heim, sondern zu Hause gepflegt, und zwar nicht von Pflegepersonal, sondern vor allem von ihren Angehörigen. Auch da spielt die Tragfähigkeit des Charakters der Pflegebedürftigen weniger eine Rolle als die Verantwortungsbereitschaft der Angehörigen, die ihre Familienmitglieder nicht dem immer schlimmer werdenden Pflegenotstand in den Heimen ausliefern wollen. Die Politik nutzt diese Verantwortungsbereitschaft schamlos aus, es gibt bis heute keine angemessene Unterstützung oder gar Lohnausgleich für die bis zu acht Millionen pflegenden Angehörigen in diesem Land. 

Darum sollte sich ein Gesundheitsminister mal ganz dringend kümmern, anstatt um Tweets, die später wieder gelöscht oder berichtigt werden müssen, weil sie doch nicht so gemeint oder einfach nur falsch waren. In diesem Sinne: Frohes neues Jahr!