Es war eine heftige Woche für Bettina Jarasch. Bis zum Schluss hat sich Berlins Verkehrssenatorin am 9-Euro-Ticket abgearbeitet, dieser unausgegorenen Idee des Bundes. Den gesamten Juni, Juli und August, insgesamt 90 Tage lang, soll man im ganzen Land für fast kein Geld Busse und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr nutzen dürfen. Damit sollen Kunden angelockt werden, die günstigstenfalls dabeibleiben, Abos abschließen, ihr Auto abstellen und so einen Beitrag zur Mobilitätswende leisten.

Das ist die positive Annahme. Die negative geht so: Viele Neukunden werden sich das Billigticket kaufen, dann aber abgeschreckt von überfüllten Fahrzeugen spätestens ab September wieder Auto fahren. Nicht umsonst sagen viele Verkehrsforscher: Neue Kunden lockt man nicht mit Dumping-Preisen, sondern mit attraktiven Angeboten.

Als verantwortliche Verkehrspolitikerin, und noch dazu als Grüne, steht Bettina Jarasch zwischen diesen Extremen. Sie hofft, und sie fürchtet zugleich. Und sie fordert: Der Bund muss den Bundesländern mehr Geld geben, damit diese engere Takte, Verstärkerfahrten und zusätzliche Ausflugsstrecken finanzieren können.

Eine Landespolitikerin kann so was fordern, wahrscheinlich muss sie es sogar. Im Fall Bettina Jarasch wird jedoch gern vergessen, dass sie die 9-Euro-Idee ursprünglich noch ausweiten wollte. Sie wollte ein 0-Euro-Ticket einführen und so einen alten Traum ihres Öko-Klientels erfüllen: den Nulltarif. Am Dienstag hat Jarasch den Nulltarif beerdigt. Er sei auf die Schnelle nicht umsetzbar. Es war das Eingeständnis eines politischen Scheiterns.

Bei derselben Gelegenheit hat die Grüne, die mit einer Vision von Bullerbü für die Metropole Berlin Wahlkampf geführt hat, einer zweiten alten Grünen-Idee eine Absage erteilt: Der Senat macht sich den Gesetzentwurf des Volksbegehrens „Berlin autofrei“ nicht zu eigen. Zu radikal, sagt Jarasch.

Für die einen ist die Grünen-Politikerin mit dieser Ablehnung einer ur-grünen Idee ein Risiko eingegangen. Mehr als 50.000 Menschen haben für einen autofreien inneren S-Bahnring unterschrieben. Diese Leute werden sich sehr genau überlegen, ob sie nächstes Mal Grün wählen. Da es aber bereits zahlreiche Gruppierungen von den Grünen gibt, wächst dort das Protestpotenzial noch. Gerade, was die Maßnahmen gegen den Klimawandel angeht, kann es vielen gar nicht radikal genug sein.

Für die anderen hat Jarasch mit ihrem Nein bewiesen, dass sie Verkehrspolitik mit Augenmaß macht. Sie hört zu, sagen vor allem diejenigen, die mit ihrer Vorgängerin Regine Günther zu tun hatten.

Eleganterer Weg, gleiches Ziel: Autos raus aus der Innenstadt!

Doch niemand sollte sich täuschen, auch Jarasch macht knallharte Verkehrspolitik. Beispiel Friedrichstraße. Sie hat die Idee der umstrittenen Fahrradspur in der Fahrbahnmitte abgeräumt. Dennoch folgt Jarasch nicht den Kritikern und Geschäftsleuten, die zum Beispiel eine ebenfalls verkehrsberuhigte Einbahnstraßenregelung favorisieren. Nein, sie will die Friedrichstraße entwidmen, eine Piazza konstruieren, mit Aufenthaltsqualität, Springbrunnen, Sitzbänken pipapo.

Es bleibt dabei: Die Grünen wollen Privatautos aus der Innenstadt zurückdrängen. Unter Bettina Jarasch so elegant wie möglich.