Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei, da hat schon die nächste Infektionswelle Europa erreicht: Affenpocken haben sich offenbar seit einiger Zeit unbemerkt in westlichen Ländern verbreitet und nun auch Berlin erreicht. Die Erkrankung geht von einem Virus aus. Sie kam bisher vor allem in West- und Zentralafrika vor. Anders als der Name vermuten lässt, kursiert der Erreger unter Hörnchen und Nagern, kann aber auf den Menschen überspringen.

Selbst wenn die bisherigen Erfahrungen mit Affenpocken dafür sprechen, dass sie mildere Symptome hervorrufen als etwa Sars-Cov-2, reagieren die Menschen hierzulande auf deren Ankunft ähnlich: überrascht, verunsichert, weil wieder ein scheinbar neues Virus auf dem Vormarsch ist. Der Erreger hat das Zeug zum Aufreger.

Doch die westliche Welt wird sich an derartige Szenarien gewöhnen müssen. Sie hat gelernt, von einem vernetzten Planeten zu profitieren, lässt andernorts günstig produzieren und exportiert in alle Winkel dieser Erde. Was zu ihrem Vorteil funktioniert, bringt ihr auch Nachteile. Dazu gehören Viren, die sich flächendeckend verbreiten.

Es gilt daher einen Widerspruch aufzulösen: Gesundheit gibt es nur global. Doch noch immer wird Gesundheitspolitik  weitgehend national gedacht. In Deutschland zum Beispiel schwört Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die Bevölkerung auf einen heißen Herbst ein, prophezeit Coronas Comeback, eine Rückkehr mit Macht. Er sieht die Gesellschaft gar durch ein Killervirus bedroht, setzt auf Impfungen.

Corona-Pandemie: Impfquote im Kongo tendiert gegen null

Die wiederholte Auffrischungsimpfung wird zum Allheilmittel erklärt, obwohl ernstzunehmende Wissenschaftler sie inzwischen für kontraproduktiv halten. Eine Impfpflicht – zunächst einrichtungsbezogen, dann allgemein – soll Schaden vom Gesundheitssystem abwenden, obwohl Praktiker vor ihr warnen. Sie sagen, niemandem werde mit dieser Strategie ein Gefallen getan. In wirtschaftlicher Hinsicht mag dies gleichwohl nicht uneingeschränkt gelten.

National rangiert jedenfalls vor global. Während die Booster-Republik Deutschland eine Quote von knapp 80 Prozent bei den vollständig gegen Corona Geimpften zu beunruhigen scheint, beträgt der Vergleichswert  in der Demokratischen Republik Kongo gerade einmal 1,2 Prozent. Dort übrigens wurden 1970 erstmals Affenpocken bei einem Menschen nachgewiesen.

Eine sehr niedrige Impfquote begünstigt immer neue Mutationen von Sars-Cov-2. Mediziner fordern deshalb, den Patentschutz auf Vakzine auszusetzen, um armen Ländern bei der Produktion zu  helfen und die Impfdosen näher an die Bevölkerung zu bringen. Die Pharmaindustrie verweist auf hohe Entwicklungskosten, sie befürchtet durch eine Freigabe schwere wirtschaftliche Schäden. Seit Monaten nun schon wägt die internationale Politik zwischen beiden Positionen ab, bisher ergebnislos.

Die Bundesregierung hat seit Beginn der Pandemie mehr als 660 Millionen Dosen Corona-Impfstoff im Gesamtwert von rund 1,5 Milliarden Euro bestellt. Ausgeliefert werden sollen sie bis zum kommenden Jahr. Nur 16 Prozent wurden bislang ans Ausland weitergereicht, überwiegend an Entwicklungsländer. Bleiben etwa 400 Millionen Dosen, die an den Mann, die Frau, das Kind gebracht werden müssen.

Affenpocken: ein Signal an die westliche Welt

Da die bestellte Menge nur mit Zustimmung der Hersteller verringert werden kann, der hiesige Markt nach derzeitigem Stand der medizinischen Forschung weitgehend gesättigt ist, bleibt als vernünftige Option ein großzügiger Export zum Nulltarif. Was ursprünglich für den Eigennutz gedacht war, würde damit zur gemeinnützigen Tat – und diente nach der globalen Logik schließlich dann doch wieder dem Wohl des edlen Spenders.

Die Ausbreitung der Affenpocken mag die Welt nicht derart erschüttern wie die des Virus Sars-Cov-2, doch sie ist ein klares Signal: Wenn die wirtschaftlich starken Staaten ihren Umgang mit den schwachen nicht ändern, werden auch sie in nicht allzu ferner Zukunft zu den Verlierern zählen. Corona ist ein guter Anlass, ein neues Miteinander zu trainieren. In einem Teilbereich zwar nur, aber dem wichtigsten überhaupt: der Gesundheit.