Die Pläne für das ICC Berlin: Anmaßend und unzeitgemäß

Die Kultur soll’s richten. Wirtschaftssenator Schwarz will das seit Jahren leer stehende Architekturdenkmal ICC mit Kultur befüllen. Wenn es so einfach wäre! Ein Kommentar.

Schön, groß und aus der Zeit gefallen. Das ICC in Charlottenburg
Schön, groß und aus der Zeit gefallen. Das ICC in CharlottenburgSchöning/Imago

Was für eine schöne Idee. Wenn man nicht mehr weiter weiß, gibt es ja noch die Kultur. Da darf nachgedacht und drauflosfantasiert werden – koste es, was es wolle. Wirklich?

Berlins parteiloser Wirtschaftssenator Stephan Schwarz ist guter Dinge. Er möchte das 1979 eröffnete, nun schon seit geraumer Zeit leer stehende Architekturdenkmal Internationales Congress Centrum (ICC) mit Kunst und Kreativität befüllen. Her mit den Konzepten, alles ist möglich. Das faszinierend-futuristische nach Plänen der Berliner Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte errichtete Gebäude hat seit jeher die Sinne angeregt. Stephan Schwarz möchte einen Ort der Begegnung. Es könne auch irgendwas mit Digitalisierung und Gaming sein, sagte er am Dienstag dem Rundfunksender RBB. Es solle ein fröhlicher Ort sein, so Schwarz.

Jetzt braucht es nur noch intelligente Politiker und Investoren

Noch etwas schöner und mit feuilletonistischen Fliehkräften versehen hatte es der FAZ-Architekturkritiker Niklas Maak bereits 2021 ausgedrückt. Anlässlich eines von Thomas Oberender, dem früheren Leiter der Berliner Festspiele, kuratierten Ausstellungs- und  Veranstaltungsevents schrieb er: „Das ICC könnte das werden, was das Museion in der Antike war – ein Abenteuerhain, in dem Erzähler aus der Ferne, Schauspieler und Künstler eine Gegenwelt möglicher anderer Lebensformen erfanden. Man könnte hier auch eine Bibliothek, Ateliers, Performancebühnen, einen ständigen Gegenort der Kunst einrichten, an den man nachmittags und abends geht, um zu schauen und sich zu treffen.“ Zu guter Letzt, schloss Maak, brauche es nur noch ein paar intelligente Politiker und Investoren.

Man möchte im kurzen Berliner Wahlkampf ja keine miese Stimmung aufkommen lassen, aber Stephan Schwarz und Franziska Giffey tun gut daran, sich zur weiteren Ideenfindung Zeit bis 2026 zu lassen. Vermutlich ahnen sie, dass die angesprochenen Investoren noch etwas Bedenkzeit benötigen.

Wie das zwei Jahre zuvor in Paris von Renzo Piano errichtete Centre Pompidou entstammt das ICC einer Zeit, in der Urbanität, Technologie und Traum eine raumbeherrschende Verbindung eingingen. Tatsächlich aber ist es nie gelungen, das als Raumschiff bewunderte Gebilde in der West-Berliner Kiezmentalität zur Landung zu bringen. Und selbst die praktisch veranlagten Betreiber verzweifelten an der einst groß geschriebenen Multifunktionalität. Schon bald war klar, dass das ICC in seiner Grandiosität an den Bedürfnissen eines auf flinke Flexibilität setzenden Messewesens vorbeigeplant war. Für viele der wechselnden Veranstaltungen war es schlicht zu groß, und eine überdimensionierte Bühnentechnik ließ Konzerte, Theater- und Ballettaufführungen zu seelenlosen Ereignissen des Kulturkalenders schrumpfen.

Als Thomas Oberender das Haus mit seinem Projekt „The sun machine is coming down“ für kurze Zeit wiederbelebte, war er sich der fatalen Monstrosität des Ortes sehr bewusst. „Es gibt keine wirtschaftlichen Konzepte mehr für diese Blüte des Kalten Krieges“, sagte er im Interview mit der Berliner Zeitung. „Wer braucht jeden Abend 8000 Plätze?“

Fragen wie diese scheinen Stephan Schwarz und Franziska Giffey nun an freigiebige Investoren weiterreichen zu wollen. Nun plant mal schön.

Kulisse für „Das Bourne Ultimatum“

Tatsächlich kommt angesichts des Luftschlosses ICC, das zwischendurch für den Action-Klassiker „Das Bourne Ultimatum“ (mit Matt Damon) proper zur Filmkulisse herausgeputzt worden war, zum Vorschein, wie wenig Stadtplanung, Kulturpolitik und Ökologie miteinander korrespondieren. Insbesondere die Corona-Pandemie hat schmerzlich bewusst gemacht, wie fragil das bloße Zusammentreffen von Menschen im öffentlichen Raum geworden ist. Die Randlage zwischen Autobahn und Messeareal hat die Charlottenburger Umgebung nie zu einem belebten Stadtraum werden lassen. Und die stolz-anmaßende Bezugnahme auf das Centre Pompidou in Paris, das seit jeher mehr als bloß ein Veranstaltungsort war, verrät viel über den Unernst des Vorschlags, dem ausrangierten Traumschiff eine kulturelle Nutzung anzudienen.

Die schnöde Wirklichkeit stellt alle großen Berliner Kultureinrichtungen – etwa die Staatlichen Museen, das Humboldt-Forum, das in Bau befindliche Museum der Moderne – vor die überaus anspruchsvolle Aufgabe, die beeindruckenden Schauräume auf eine dramatisch veränderte Energieversorgung einzustellen. Man vernimmt nicht ohne Rührung, wie hartnäckig sich die Haltung des „Think big“ selbst in der Berliner Landespolitik hält. Es scheint aber ratsam, einem Vorschlag des Soziologen Philipp Staab folgend, sich mit dem Prinzip Anpassung als Leitmotiv für die nächste Gesellschaft auseinanderzusetzen.