Was die Berliner von der Kultur verlangen

Eine Studie zeigt, dass 90 Prozent der Hauptstadtbewohner die Unterstützung der Kultur in der Pandemie wichtig fanden. Es geht um mehr als Glitzer für Tourismus.

Was hier passiert, kann glücklich machen.
Was hier passiert, kann glücklich machen.imago images

Weil Berlin wenig eigene Wirtschaftskraft hat, gilt die Kultur als wichtige Ressource für die Attraktivität der Stadt. Klaus Wowereit nannte das „arm, aber sexy“. Der Kultursenator Klaus Lederer nutzt das in Haushaltsverhandlungen, illustriert mit dem Wort „Standortfaktor“. Und Zahlen hat er dann bestimmt auch parat: Auslastungen der Bühnen, Ticketverkäufe der Museen.

Aber gerade diese Zahlen sind nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie unscharf. Veranstalter klagen, dass der Besucherstrom schwer einzuschätzen ist, manche Säle blieben selbst bei Premieren locker besetzt, Lesungen können an einem Tag voll und am nächsten leer sein. Aber wozu gibt es die Soziologie?

Verlust durch die Pandemie

Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa legt jetzt die Ergebnisse einer zweiten Studie zur Zufriedenheit der Berlinerinnen und Berliner mit dem Kulturangebot der Hauptstadt vor. Die erste wurde 2019 erhoben, als das den Lockdown verursachende Virus nur Spezialisten bekannt war, die zweite im Sommer 2021, als das Impfen endlich allen möglich war. Die Menschen antworteten also beim ersten Mal völlig unbedarft, was einen Verlust an kulturellen Angeboten bedeuten könnte, beim zweiten Mal in einer Talsohle der Pandemie. Den Besuch von Kultur- und Freizeitangeboten während der Pandemie haben 85 Prozent von ihnen vermisst.

Die Standortfrage beantworteten die Berliner auch. Sowohl 2019 als auch 2021 zeigten sich knapp über 90 Prozent der Studienteilnehmer mit dem Kulturangebot insgesamt mindestens zufrieden. 60 Prozent sagten, dass speziell klassische Kulturangebote ein wichtiger Grund für sie seien, in Berlin zu leben. Die neue Studie hatte mit den Unterstützungsmaßnahmen für den Kulturbereich einen neuen Punkt: 90 Prozent der Befragten befürworten diese grundsätzlich. Das heißt, die Kultur ist nicht nur das Glitzerelement für die Tourismus-Broschüren, sie bedeutet den Berlinern selbst sehr viel.

Viele wurden selbst kreativ

Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa förderte die Erhebungen zur kulturellen Teilhabe durch ein Forschungsprojekt und gründete eigens das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung. Die Studienautoren schauten allgemein nach dem Verhalten in der Freizeit. „Zahlenmäßig bedeutsame Zuwächse gab es insbesondere bei Gärtner- und Handwerksarbeiten und beim Sporttreiben“, heißt es da; die Begeisterung für Bücher stieg nur um sieben Prozent.

Was hat sich durch die Pandemie verändert? Vor allem das, was als „Teilhabe“ beschrieben wird. Menschen, die es ohnehin nicht so dringend zu Kulturveranstaltungen trieb, konnten sich unter Zugangsbeschränkungen schwerer aufraffen. Auch erreichten die digitalen Angebote nur einen Teil des Publikums. Selbst tätig – zum Beispiel beim Zeichnen, Musizieren oder Schreiben – wurden in der Pandemiezeit immerhin vor allem Menschen, die sonst eher seltener zu den Kulturbesuchern zählen. Der Anteil der Befragten, die zu klassischen Kulturangeboten angaben, dass mehr Angebote in ihrer direkten Umgebung für sie ein zusätzlicher Besuchsanreiz wären, ist von 45 Prozent auf 57 Prozent recht deutlich gestiegen. Und wenn Covid-19-Krise einmal überwunden sei, wollen 93 Prozent der Befragten „voraussichtlich“ wieder genauso häufig Kulturange­bote wahrnehmen wie zuvor.