Wohin die Kompassnadel auch zeigt ist Gerhard Richter

Er gilt als umsatzstärkster und wichtigster Gegenwartskünstler. Der Kunstkompass führt ihn bereits zum 19. Mal ganz oben. Orientierung schafft das aber nicht.

Gerhard Richter in seinem Kölner Atelier vor seinem Bild „Tante Marianne“. 
Gerhard Richter in seinem Kölner Atelier vor seinem Bild „Tante Marianne“. Imago

Wie man sich in einer immer komplizierter werdenden Welt Orientierung verschaffen kann, hat keiner so originell vorgeführt wie Johnny Depp in seiner Rolle als Jack Sparrow. Weil es ihn irritierte, dass ein handelsüblicher Kompass stets nach Norden zeigt, verwendet der liebenswert verpeilte Pirat aus „Fluch der Karibik“ ein geheimnisvolles Modell, auf dem immer genau das Ziel anvisiert wird, das sich der Benutzer am meisten wünscht. Wer will schon nach Norden?

Muss man sich so oder ähnlich auch die Kür des sogenannten Kunstkompasses vorstellen, in dem bereits zum 19. Mal Gerhard Richter als wichtigster Künstler aufgeführt wird? Das Kunstkompass-Ranking wird von der Journalistin Linde Rohr-Bongard erstellt und erscheint in dem Wirtschaftsmagazin Capital. Bewertet und mit Punkten gewichtet werden dabei Ausstellungen von nahezu 300 Museen, Rezensionen in Fachmagazinen, Ankäufe führender Museen sowie Auszeichnungen. Beim Mix der Daten und Einschätzungen werden Verkaufspreise und Auktionserlöse indes nicht berücksichtigt. Diesbezüglich hätte die Kompassnadel wohl noch deutlicher in Richtung des 90-jährigen Gerhard Richter ausgeschlagen, dessen überwältigendes Lebenswerk auch von Artnet zu den teuersten Gegenwartskünstlern gerechnet wird. Sein Marktvolumen in Auktionen vergangener Jahre soll umgerechnet 558 Millionen Euro betragen haben.

Was die Kompassnadel nicht zeigt

Dabei ist es beinahe schon diskreditierend, das vielfältige, aufregend-widersprüchliche Werk des großen Malers, Bildhauers und Fotografen nach Geldwerten zu taxieren. Für Gerhard Richter gilt, was einst der Schriftsteller und Sänger Leonard Cohen über seinen Kollegen Bob Dylan sagte, als dieser 2016 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam. Das sei in etwa so, sagte Cohen, als würde man am Mount Everest eine Tafel mit der Aufschrift „Höchster Berg der Welt“ anbringen. Wer Kunst liebt und in sie investieren möchte, ist ohnehin gut beraten, sich dorthin zu orientieren, wohin die Kompassnadel gerade nicht zeigt.