Long Covid: Die Kampagne mit Stokowski ist schon jetzt gescheitert

Sie sei trotz Booster erkrankt und leide inzwischen unter Long Covid, berichtete die Journalistin auf der Pressekonferenz. Mutig, aber: Der Schuss ging nach hinten los.

Margarete Stokowski, Journalistin und Autorin, bei einer Pressekonferenz zur neuen Kampagne des Gesundheitsministeriums gegen Corona
Margarete Stokowski, Journalistin und Autorin, bei einer Pressekonferenz zur neuen Kampagne des Gesundheitsministeriums gegen Coronadpa

Ja, es ist widerlich, wie viel Hass und Häme seit ihrem Auftritt mit Karl Lauterbach vom Freitag über die an Long Covid erkrankte Journalistin Margarete Stokowski ausgegossen wird. Und ja, sie hat recht, wenn sie dazu twittert, dass das auch daran liege, wie in Deutschland mit Kranken, Behinderten und insgesamt als schwach angesehenen Menschen allzu oft umgegangen wird. Alte, Kranke und als „sozial schwach“ betitelte Personen können ein Lied davon singen.

Teilweise ist auch völlig absurd, aus welchen Ecken die Kritik um jeden Preis kommt. Der einst erfolgreiche Twitterer „Don Alphonso“ vermeldete etwa: „Es gibt zwei Arten von Autoren. Die einen rennen wegen der normalen Härten des Daseins zu Lauterbach in die Bundespressekonferenz.“ Dazu postete der passionierte Radfahrer eine Schürfwunde, die er sich aktuell beim verhinderten Zusammenstoß mit einem Müllauto zugezogen habe. Damit wollte er wohl ausdrücken: Seht her, liebe Twittergemeinde, ich leide mindestens so doll wie die Kollegin, habe es aber im Gegensatz zu ihr nicht nötig, mein Leid auf einer Bühne zu präsentieren. Womit er sich nicht nur selbst widersprach, sondern auch Long Covid mit einer harmlosen Schürfwunde verglich.

Das widerspricht jeglicher Logik und ist albern hoch zehn, das Problem ist aber: Auch der Auftritt von Stokowski hat, obwohl sie viel Kluges über die unzureichende Versorgung von Long-Covid-Patienten sagte, dem Start der neuen Impfkampagne keinen großen Gefallen getan. Denn man muss der Kritik zugutehalten, dass auch diese Art der Logik ihre Schwächen hat: Margarete Stokowski ist nach eigenen Angaben dreimal geimpft und war frisch geboostert, als sie an Covid und daraufhin schwer an Long Covid erkrankte. Bis heute geht es ihr so schlecht, dass sie nicht mehr arbeiten kann. Und das soll jetzt warum genau für die Impfung sprechen?

Auf der Pressekonferenz mit dem Gesundheitsminister darauf angesprochen, ob sie nicht daran zweifele, ob die beworbenen Impfstoffe sie wirklich so gut geschützt hätten, und wie sie sich erkläre, dass sie mehrfach geimpft trotzdem so schwer erkrankt sei, antwortete sie: „Keine Ahnung. Kann ich mir nicht erklären.“

Das dürfte das zuletzt gesunkene Vertrauen in die Impfstoffe nun nicht gerade boostern.

Nichtsdestotrotz nimmt Lauterbach einmal mehr über 30 Millionen Euro in die Hand, um auf diese Weise (und noch mit weiteren Betroffenen) für die Impfstoffe und den Eigenschutz zu werben. Am Sonntagabend versprach er zudem im „Bericht aus Berlin“ in der ARD zum Thema Krankenhauskrise: „Wir wollen das Fallpauschalensystem überwinden.“ Dazu arbeite man an einer großen Krankenhausreform, um „das System viel effizienter“ zu machen.

Was er dabei verschwieg: Er selbst hat das so viel gerügte Fallpauschalensystem vor 20 Jahren zusammen mit der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) eingeführt. Und von Effizienz im Zusammenhang mit Kliniken sprach Lauterbach, ebenfalls SPD, noch kurz vor Corona vor allem im Zusammenhang mit der Schließung möglichst vieler deutscher Krankenhäuser.

Wenn man dann noch weiß, dass hierzulande abgelaufene Impfstoffe in Millionenhöhe vernichtet werden müssen, weil Lauterbach zu viel davon bestellt hat, darf man sich mittlerweile doch getrost fragen, ob der Gesundheitsminister noch über genügend Kapazitäten verfügt, um ausgeruht und objektiv in den dritten Corona-Winter zu gehen und gleichzeitig einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern - oder ob er vielleicht jemanden mit besseren Ideen ans Ruder lassen möchte.

Das war vor einem Jahr schon einmal die drängende Frage an den damaligen Gesundheitsminister; damals hat Lauterbach von Jens Spahn (CDU) übernommen, auch weil er sich als Arzt und durch seine Corona-Expertise in Öffentlichkeit und Opposition geradezu angeboten hatte. Nun aber wird immer klarer, dass es neben Corona noch dringendere, zukunftsweisendere Probleme im deutschen Gesundheitssystem gibt, die Lauterbach aber eher mit Ablenkungsmanövern kontert als mit echter Expertise.

Und so werden wir uns wohl weiterhin mit so hitzigen wie oberflächlichen Debatten über Long Covid trotz oder wegen Impfung und Masketragen mit oder ohne Pflicht beschäftigen müssen – bis hoffentlich jemand kommt, der es wirklich ernst meint damit, die so dringend benötigten Reformen im Klinikalltag und im gesamten Gesundheits- und Pflegesystem wieder am Patienten auszurichten anstatt an den Verdienstmöglichkeiten.

Die neue Kampagne „Ich schütze mich“ jedenfalls darf man wohl gleich zum Start als deftig gescheitert betrachten.