Der gute Deutsche: Späte Rehabilitierung für Manga Bell

Anfang Dezember wird in Wedding der Nachtigalplatz in Manga-Bell-Platz umbenannt. Er erinnert an die mörderische deutsche Herrschaft in Kamerun.

Wer war Manga Bell? Eine Informationstafel im Berliner Humboldt-Forum.
Wer war Manga Bell? Eine Informationstafel im Berliner Humboldt-Forum.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Zwei Namen stehen für den Auftakt und den Untergang der 30-jährigen deutschen Kolonialherrschaft in Kamerun: Gustav Nachtigal und Rudolf Duala Manga Bell. Den Anfang machte der von Reichskanzler Bismarck zum Reichskommissar für Deutsch-Westafrika ernannte Afrikaforscher Nachtigal, als er im Auftrag des Deutschen Reichs im Juli 1884 das Küstengebiet um die Siedlung Duala in Besitz nahm. Bis heute wird er mit Straßennamen in zahlreichen deutschen Städten geehrt, bis jetzt auch in Berlin mit dem Gustav-Nachtigal-Platz im Afrikanischen Viertel in Wedding. In wenigen Tagen aber wird der Platz in Manga-Bell-Platz umgetauft. Damit wird an den Kameruner König und friedlichen, antikolonialen Widerstandskämpfer Rudolf Duala Manga Bell erinnert, den die deutschen Kolonialherren am 8. August 1914 mit seinem Gefährten Ngoso Din nach einem Schauprozess wegen angeblichen Hochverrats in Duala ermordeten. Einige Tage später war der Erste Weltkrieg nach Kamerun gelangt, britische Truppen hatten die Stadt Duala mithilfe des Volkes der Duala besetzt und damit das Ende der deutschen Kolonie eingeleitet.

Die Interessen der deutschen Kolonialherren

Die deutsche Kolonialherrschaft hatte mit einem Betrug begonnen, mit den zwei Justizmorden ist sie zu Ende gegangen. 1884 hatten King Bell, der Großvater Rudolf Dualas Manga Bells, und andere „Kings and Chiefs“ mit den Vertretern zweier Hamburger Handelshäuser vereinbart, dass auf die Deutschen die Hoheitsrechte, die Gesetzgebung und die Verwaltung übergehen sollten. Doch hatten sich die Duala ausbedungen, dass der von ihnen bewirtschaftete oder bebaute Boden ihr Eigentum bleibe und – in einer von den Deutschen akzeptierten Zusatzvereinbarung – dass ihr Monopol auf den Handel mit dem Hinterland nicht angetastet werde. Nur dank dieser Zusicherung war es den Deutschen gelungen, die Briten als Rivalen am Kamerunfluss auszuschalten. Der lukrative Zwischenhandel war die entscheidende Erwerbsquelle der Duala – sie bezogen aus dem Hinterland Elfenbein, Kautschuk und Palmöl und tauschten die Produkte in den deutschen und britischen Faktoreien gegen Stoffe, Eisenwaren, Salz und Branntwein –, seine Zerstörung hingegen das vorrangige Interesse der deutschen Firmen, die direkt und damit einträglicher auf den Märkten im Landesinneren Handel treiben wollten. Gleichwohl sahen sie in den Zusagen, das Zwischenhandelsmonopol und das Boden-Eigentum zu respektieren, nicht das geringste Problem. Sie hatten niemals vor, sie einzuhalten.

Zwei Tage nach Vertragsschluss, am 14. Juli 1884, wurde in Duala die deutsche Flagge gehisst. Der Reichskommissar für Deutsch-Westafrika Dr. Gustav Nachtigal war auf dem Kanonenboot „SMS Möwe“ von Togoland (heute Togo) gekommen, das er am 5. Juli für Kaiser und Reich erworben hatte. Wie vereinbart, ließ sich Nachtigal von den Vertretern der Hamburger Handelshäuser die „Souveränitätsrechte“ über Kamerun, das heißt über die Siedlung Duala, übertragen. Damit war das Land, das die Deutschen Kamerun nannten, als Kolonie in die deutsche Geschichte getreten. Und es begannen – wie in allen Kolonien aller Kolonialreiche – die Feldzüge ins Landesinnere, die Unterwerfung der Bevölkerung, kurz, all das, was die Zeitgenossen als Zivilisierung bezeichneten.

Vom Anfang bis zum Ende des deutschen „Schutzgebiets“ Kamerun verging kaum ein Tag ohne Krieg, jedoch nicht zwischen den Deutschen und den Duala. Die protestierten zwar, als die Deutschen ihr Handelsmonopol zerstörten und Steuern einführten; auch protestierten sie gegen die Nilpferdpeitsche auf ihren Rücken, die die Deutschen besser beherrschten als die Sprache der Duala. Aber abgesehen davon bestand ihre Verteidigung in der Strategie des Wandels durch Annäherung. Als die Deutschen ihnen ihre Existenzgrundlage nahmen, machten sie die Deutschen zu ihrer Existenzgrundlage, lernten Deutsch und traten in deutsche Dienste, als Händler, Verwaltungsangestellte, Missionare, Lehrer und selbst als „Oberhäuptling“, ein von den Deutschen vergebenes bezahltes Amt. Die Friedfertigkeit folgte der Einsicht, waffentechnisch den Deutschen unterlegen zu sein – eine Erfahrung, die etliche Völker aus dem Kameruner Hinterland machen mussten.

Manga Bells Rechtsverständnis

Dabei blieb es, als die deutsche Kolonialverwaltung sich daranmachte, auch die zweite Zusage an die Duala systematisch zu brechen – die Garantie, sie nicht von ihrem bebauten oder bewirtschafteten Land zu vertreiben. Seit 1910 planten die Deutschen die Modernisierung des zur Wirtschaftsmetropole aufgestiegenen Duala, die Anlage des größten Hafens Westafrikas, den Bau neuer Straßen. Das aber sollte angeblich nur durch die Umsiedlung der Duala gelingen können, aus der Stadt in die Nähe der von der Malariamücke bevölkerten Mangrovensümpfe am Stadtrand. Das verstieß offensichtlich gegen den dreißig Jahre zuvor geschlossenen Vertrag. Aber kein Verstoß ist so offensichtlich, dass er nicht übersehen werden könnte, zumindest von dem, der ihn begeht. Die Deutschen übersahen ihn, Rudolf Duala Manga Bell übersah ihn nicht.

Der Enkel King Bells war ein rechtstreuer Mann. Er pochte auf einen in Europa anerkannten Grundsatz: Pacta sunt servanda. Kein anderer Bewohner deutscher Kolonien hat sich je derart laut zu Wort gemeldet; nicht nur von den Deutschen in Kamerun, sondern vor allem auch im Kaiserreich wurde er gehört und verstanden – denn dank seiner in Aalen und Ulm genossenen Schulbildung pochte er auf Deutsch. Und er bediente sich einer Waffe, die nur vermeintlichen Kulturvölkern zu Gebote stand: der Öffentlichkeit. Er schaltete deutsche Zeitungen ein, deutsche Anwälte sowie Abgeordnete des Berliner Reichstags und initiierte eine Kampagne, deren Botschaft so klar wie unbestreitbar war: Vertragstreue. Die Selbstverständlichkeit, mit der Manga Bell vor aller Augen auf dem Recht bestand, machte jedermann klar, dass das vermeintliche Ziel des Kolonialismus – die kulturelle Hebung der sogenannten Eingeborenen – hier auf vollendete Weise erreicht worden war. Und seine Beharrlichkeit beseitigte alle Zweifel, dass Manga Bell den tiefsten Sinn des Rechts – die gewaltfreie Konfliktlösung – besser als seine deutschen Widersacher verstanden hatte.

Manga Bells friedlicher Kampf bedeutete für die Kolonialherrn ein Dilemma. Wie alle Kolonialmächte beteuerte auch das Deutsche Reich, einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der afrikanischen Bevölkerung zu leisten. In der Praxis diente der humanitäre Aspekt als Deckmantel der Gewalt, auf der die Herrschaft beruhte. Es ging nicht um Zivilisierung, sondern um absolute Unterwerfung zwecks Ausbeutung der wirtschaftlichen und humanen Ressourcen. Für Manga Bell aber war Zivilisierung kein Vorwand, sondern eine Tatsache und die Achtung des Rechts ihr bester Beweis. Indem er auf dem Recht der Duala bestand, hat die Kolonialmacht die Herrschaft über ihn verloren. Was blieb, war die Gewalt. Nach einem haarsträubenden Verfahren wurde Rudolf Duala Manga Bell zusammen mit seinem Gefährten Ngoso Din am 8. August 1914 vor dem Gerichtsgebäude in Duala hingerichtet.

Späte Rehabilitierung

Seit Jahren fordert Jean-Pierre Félix-Eyoum von der Bundesregierung die Rehabilitierung seines Großonkels Rudolf Duala Manga Bell. Der pensionierte Lehrer einer Sonderschule in Bayern fordert unermüdlich, aber bisher vergeblich. Auf eine entsprechende Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele antwortete 2014 die damalige Bundesregierung kühl: „Eine Forderung der Vertreter der Douala aus Kamerun zur Rehabilitierung von Rudolf Manga Bell wurde gegenüber der Bundesregierung bislang nicht erhoben.“ Sie liegt inzwischen vor. Seit einigen Jahren unterstützt die Urenkelin Rudolfs, Princess Marilyn Douala Manga Bell, von Kamerun aus Jean-Pierre Félix-Eyoum. Das Engagement scheint zu wirken. Jüngst hat Ulm einen Platz nach dem ermordeten König benannt, Aalen hat es beschlossen, in Berlin ist es endlich in den nächsten Tagen soweit. Katja Keul (Grüne), Staatsministerin im Auswärtigen Amt, hat vor einigen Wochen in Kamerun am Ort der Hinrichtung Rudolf Duala Manga Bells einen Kranz niedergelegt und eine bewegende Rede gehalten: „Wir wollen und werden uns diesem Kapitel unserer Geschichte stellen und Versäumnisse im Umgang mit ihr beenden.“ Nach diesen Worten sollte es nur noch ein kleiner Schritt sein zur Rehabilitierung. Die junge Regisseurin Lisa Friederich (Berlin) plant einen Film über Leben und Sterben Rudolf Duala Manga Bells. Noch nie ist ein Opfer der deutschen Kolonialjustiz rehabilitiert, noch nie die Geschichte eines Widerstandskämpfers einer deutschen Kolonie im Film erzählt worden. Für beides ist es höchste Zeit.

Christian Bommarius ist freier Autor und war viele Jahre Redakteur der Berliner Zeitung. 2018 wurde er mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet. 2015 erschien im Verlag Berenberg die Biografie „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914“.