In der nüchternen Sprache des Soziologen Niklas Luhmann ist Politik das Bereithalten der Kapazität bindender Entscheidungen. Um diese herbeizuführen, wird eine beachtliche Bandbreite rhetorischer und inszenatorischer Mittel eingesetzt, Gefühlsregungen und Befindlichkeiten gehören ausdrücklich dazu. So gesehen ist die emotionale Wucht, mit der der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk die Interessen seines Landes vertritt, nur allzu verständlich. Die Ukraine befindet sich in einem Verteidigungskampf gegen die Atommacht Russland, da gehört es auch zu den dringlichen Aufgaben eines Botschafters, Bündnispartner für eine nicht zuletzt auch militärische Unterstützung zu finden. Melnyk geht dieser Aufgabe mit großer Leidenschaft und mitunter verblüffenden Umgangsformen nach.

Symbolpolitisches Gefälle

Wenn all dies nicht vor dem Hintergrund eines Krieges stattfinden würde, könnte man sagen: Melnyk ist zu einem Popstar der Diplomatie aufgestiegen, der kein Battle scheut. Seinen gepflegten Kleidungsstil versteht er mit einer rhetorischen Schärfe zu kontrastieren, der gegenüber die vorsichtig-umständliche Ausdrucksweise des Bundeskanzlers Olaf Scholz verdruckst erscheint. So ist ein symbolpolitisches Gefälle entstanden, in dem der Botschafter die höchsten Vertreter des Staates vor sich hertreibt, damit sie schnellstmöglich Entscheidungen treffen, die buchstäblich dem Überleben des ukrainischen Volkes dienen.

Wer in dieser Situation auf Anstand gegenüber staatlichen Repräsentanten pocht, macht sich verdächtig, den Ernst der Lage nicht begriffen zu haben. Dabei käme es gerade jetzt darauf an, die Weichen für eine staatsbildende Politik der Nachkriegszeit zu stellen. Den Bundeskanzler aufgrund seiner eigenwilligen Reiseplanung eine „beleidigte Leberwurst“ zu nennen, ist in einer Zeit, in der Russland gezielt die Formen europäischer Staatlichkeit attackiert, kein hilfreicher Beitrag.