Mikrozensus: Wie mir die Volkszählung den letzten Nerv raubte

Seit zwei Jahren sind einige Bürger dazu verpflichtet, immer wieder dieselben Fragen zu ihrem Leben zu beantworten. Unser Autor fragt sich: Warum nur?

Menschen unterwegs
Menschen unterwegsBerliner Zeitung/Markus Wächter

Ich bin ein Gewinner. Ich gehöre zu dem einen Prozent der Bevölkerung, das auserwählt worden ist, für den sogenannten Mikrozensus befragt zu werden. Achtung, jetzt kommt ein Zitat: „Der Mikrozensus dient dem Zweck, statistische Angaben in tiefer fachlicher Gliederung über die Bevölkerungsstruktur, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung, der Familien und Haushalte, den Arbeitsmarkt, die berufliche Gliederung und die Ausbildung der Erwerbsbevölkerung und die Wohnverhältnisse bereitzustellen sowie europäische Verpflichtungen zu erfüllen.“ Zitatende. Die Auskünfte der Wenigen entscheiden über die Zukunft der Vielen. Ein Kommunarde alten Schlags hätte gesagt: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient?“

Die Befragungen sind nicht neu. Den ersten Anruf einer Datenermittlerin habe ich bereits vor zwei Jahren erhalten, einen weiteren ein Jahr später. Ich kann es nicht beweisen, aber die Fragen waren mehr oder weniger identisch. Diesmal rief niemand an. Das Amt schickte per Post einen sechsseitigen Bogen, enthalten die dezidierte Verpflichtung, die Fragen beantworten zu müssen.

Jetzt kommt eine Fuhre Unmut

Als folgsamer Staatsbürger bin ich geneigt zu helfen, wo ich kann. Das Amt zeigte sich großzügig in der Wahl der Waffen: Telefon oder online. Als moderner Mensch entschied ich mich für die Online-Variante und sah mich sogleich in einen endlosen Registrierungsvorgang verstrickt, aus dem ich erschöpft, aber unversehrt wieder herausfand. Allerdings ohne Vollzug vermelden zu können. Also doch Telefon?

Die angegebene Gratisnummer war unbesetzt. Also entschied ich mich für die gebührenpflichtige Lösung, bei der sich sogleich ein freundlicher Herr meldete. Da ich meine Verstimmung über die bis dahin verbrachte Zeit nicht einfach herunterschlucken mochte, warnte ich ihn vor: Achtung, jetzt kommt eine Fuhre Unmut.

„Nur zu“, sagte der Datenerfasser, „ich bin ganz bei Ihnen“. Wenn ich die Gemeinsamkeit simulierende Floskel höre, bin ich meist alarmiert. Im weiteren Verlauf des Gesprächs aber erwies sich mein Gegenüber als jemand, der wie ich an der mangelnden Sinnhaftigkeit dieser Modernisierung verheißenden Übung litt. Wir einigten uns darauf, unsere Gesprächsanordnung geduldig zu Ende zu bringen.

Während das Wort Digitalisierung einen reibungslosen Datenverkehr zum Nutzen aller nahelegt, scheinen staatliche Institutionen vornehmlich damit beschäftigt, den behördlichen Autoritätsverlust mit technologischer Undurchdringlichkeit zu kompensieren. Der Mikrozensus als Spiegel der Seele des homo digitalis.